Merkel mutet uns viel zu – und das ist gut

Gepostet am 29.08.2016 um 14:01 Uhr

Erst galt Kanzlerin Merkel als nahezu übertrieben pragmatisch, dann kam mit der Flüchtligskrise der emotionale “Wir schaffen das”-Wandel. Und jetzt? Jetzt ist sie auch davon wieder weg, meint Angela Ulrich – und hat ihre Wandlungsfähigkeit bewiesen.

Erst galt Kanzlerin Merkel als nahezu übertrieben pragmatisch, dann kam mit der Flüchtligskrise der emotionale “Wir schaffen das”-Wandel. Und jetzt? Jetzt ist sie auch davon wieder weg – und hat ihre Wandlungsfähigkeit bewiesen.

Ein Kommentar von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Was wurde Angela Merkel früher nicht alles vorgeworfen: Sie sei mutlos, immer nur in Trippelschritten unterwegs, sie drehe ihr Fähnchen nach dem Wind. Kalt, pragmatisch – aber irgendwie auch berechenbar und damit für viele angenehm unaufgeregt. Die verlässliche Ruhe selbst eben.

Das ist Merkel zwar geblieben – eine, die nicht mit den Flügeln schlägt und keinen Schaum vor dem Mund hat. Aber genau vor einem Jahr hat sich – mit den Flüchtlingen – doch eine neue Kanzlerin gezeigt. Eine mit Emotionen; eine, die Humanität dem Chaos vorzieht. “Wir schaffen das!” – das war und ist in erster Linie ein Aufmunterungsruf, der wohl eher gegen Merkels Willen zum Slogan ihrer Kanzlerschaft emporstieg.

Aber er zeigt auch, dass sich Merkel wandeln kann. Das Lauwarme ist passé. Allen Umfragen zum Trotz.

Wieder kleine Schritte

Wird aber ihre Geradlinigkeit gerade zur Sturheit, zum Blindflug gegenüber den Sorgen und Nöten der Bundesbürger? Das scheint für die CSU schon lange klar, und auch in Merkels CDU ist die Kanzlerin vielen fremd geworden.

Dabei ist Merkel eigentlich schon längst wieder auf die kleinen Schritte eingeschwenkt. Der innere Kompass der Humanität bleibt zwar. Doch auch mit ihrem Okay wurden Asylgesetze verschärft, Türen verschlossen, Menschen abgewiesen. Nur laut gesagt hat Merkel das nicht. Das langjährige Versprechen, dass sich mit ihr nichts ändert, ist weg. Die CDU-Chefin mutet uns jede Menge zu, und das ist gut so!

Lange zu wenig erklärt

Allerdings hat Sigmar Gabriel recht, wenn er die offene Wunde der Kanzlerin benennt: Sie hat lange zu wenig erklärt, wie das Land es schaffen soll, so viele Menschen aufzunehmen, wie Integration klappen kann.

Wenn die SPD jetzt aber von Staatsversagen und Chaos vor einem Jahr tönt, dann ist das völlig daneben. Denn Gabriel war immer dabei, schlägt sich aber jetzt in die Büsche. Auch ein Horst Seehofer, der Merkel weiter zappeln lässt, ob er sie für eine neue Kanzlerkandidatur unterstützen würde? Geschenkt – die CSU hat eh keine Alternative. Das freut nur Frauke Petry. Willkommen im Wahlkampf!

Kommentar: Merkel beweist Wandlungsfähigkeit
Angela Ulrich, ARD Berlin
13:48:00 Uhr, 29.08.2016

Zuletzt aktualisiert: 14.12.2017, 11:02:50