Deutschland ist sicherer geworden. Fühlt es das auch?

Gepostet am 08.05.2018 um 17:28 Uhr

Deutschland ist sicherer geworden, sagt die Statistik. Dennoch schüren einige Gruppen das Gefühl der Unsicherheit. Mehr Sachlichkeit beim Thema Kriminalität, mehr Fakten statt Gefühle, wünscht sich Andrea Müller.

Sicher ist sicher: Als Kind hat Horst Seehofer deshalb vor dem Schlafengehen unter sein Bett geguckt, hat er erzählt vor der Berliner Presse. „Angst“, sagt er, „ist ein Wesensmerkmal.“ Jeder hat sie und keiner kann sie einem nehmen. Seehofer versucht es trotzdem und das ist schon ein wenig irritierend. Vor einem Jahr noch beklagte Thomas de Maizière eine allgemeine Verrohung der Gesellschaft. „Deutschland ist sicherer geworden“, hört die Öffentlichkeit jetzt von seinem Nachfolger Horst Seehofer. Und fragt sich: Na, was denn nun?

Mit Angst lässt sich Politik machen

Die Zahlen scheinen Horst Seehofer Recht zu geben, doch die Interpretation hat auch immer mit Politik zu tun. Wirklich dramatische Fehl-Entwicklungen waren auch aus der Kriminalstatistik vor einem Jahr nicht herauszulesen. Wir lernen, auch Politiker können beides: Unsicherheit herbeireden oder eben dieses ungute Gefühl ein wenig dämpfen. Thomas de Maizière brauchte Argumente für seine Sicherheitsprojekte. Die Gesichtserkennung, die Smartphone-Überwachung, mehr Personal für die Polizei. Horst Seehofer will das alles auch. Sein Fokus liegt aber offenbar woanders. Er will den Angstmachern von der AfD etwas entgegensetzen.

Das miese Gefühl, in einem unsicheren Land zu leben – ja, das gibt es, keine Frage. Und es wird geschürt. Vom rechten Rand aber auch von den Medien. Das Internet ist voll von Horrorstories, einzelne Gewalttaten werden tagelang in Zeitungen, Fernsehen und auch im Radio rauf und runter diskutiert. Und die Hotspots der Kriminalität in den großen Städten, die kennt inzwischen selbst die Landbevölkerung bundesweit.

Verbale Abrüstung wäre gut

Gut, dass Innenminister Seehofer und sein Kollege Stahlknecht aus Sachsen-Anhalt diesen publizistischen Verstärker-Kreislauf offen beim Namen nennen. Doch verbal abrüsten sollte auch die Politik. Horst Seehofer selbst hat während der Flüchtlingskrise von einer Herrschaft des Unrechts gesprochen, vom Kontrollverlust des Staates.

Es wird nicht leicht, diese selbstgerufenen Geister wieder einzufangen. Mehr Sachlichkeit beim Thema Kriminalität könnte helfen. Fakten statt Gefühle. Also lieber wie der kleine Horst Seehofer öfter mal unters Bett gucken, bevor man schlafen geht – und sehen, dass da niemand ist.

Zuletzt aktualisiert: 24.09.2020, 14:35:34