Alltag, in allen sozialen Schichten

Gepostet am 13.07.2017 um 17:01 Uhr

Demütigungen, Schläge, sexueller Missbrauch – Gewalt gegen Kinder ist in Deutschland alltäglich, laut Kriminalstatistik ist die Zahl Opfer im vergangenen Jahr gestiegen. Hoch problematisch sind für Experten dabei die sozialen Medien. Von Andrea Müller.

Demütigungen, Schläge, sexueller Missbrauch – Gewalt gegen Kinder ist in Deutschland alltäglich, laut Kriminalstatistik ist die Zahl Opfer im vergangenen Jahr gestiegen. Hoch problematisch sind für Experten dabei die sozialen Medien.

Von Andrea Müller, ARD-Hauptstadtstudio

Elysium war ein Fahndungserfolg. Die Kinderpornoplattform war gerade mal sechs Monate online und hatte schon mehr als 87.000 Nutzer. Die zuständige Generalstaatsanwaltschaft Hessen hat sie aufgespürt. Elysium war eine von vielen im Internet. Die Ermittlungen laufen noch. Oberstaatsanwalt Andreas Mayer leitet die Arbeit der Zentralstelle, die sich um Internetkriminalität kümmert – die Datenmengen seien der schiere Wahnsinn, sagt er. “In diesen Foren wird sexueller Missbrauch verniedlicht, verharmlost. Es sind Familienväter darunter, diese Familienväter haben teilweise ihre Kinder zum sexuellen Missbrauch zur Verfügung gestellt und dieses Angebot wurde auch gerne angenommen.”

Risiko mit sozialen Medien gestiegen

Die Opfer sind oft ein Leben lang traumatisiert, erklären Psychologen. Und mit den sozialen Medien ist auch das Risiko gestiegen. Das Smartphone sei zum ultimativen Tatmittel geworden, warnt Julia von Weiler, Expertin für Cybercrime. “Mit dem Smartphone bin ich immer bei Dir. Egal, wo Du bist, egal, was Du machst, ich bin auch da. Du willst Dich entfernen, ich droh’ Dir ein bisschen, ich schmeichel’ Dir, ich drohe damit, irgendwelche Bilder von Dir zu veröffentlichen. Die digitalen Medien haben das Phänomen sexuelle Gewalt und sexualisierte Gewalt fundamental verändert und darauf müssen wir als Gesellschaft tatsächlich reagieren.”

Die Strafverfolgungsbehörden müssten besser ausgestattet werden. Die Anbieter von sozialen Netzwerken und Online-Spielen müssten verpflichtet werden, geschützte Räume einzurichten für Kinder, fordert die Expertin. Rainer Becker, Vorsitzender der Deutschen Kinderhilfe, beklagt zudem eine Schieflage im Strafrecht. Bei sexueller Gewalt gegen Kinder liege die Mindeststrafe bei einem halben Jahr – bei Einbruch sei das Mindestmaß gerade auf ein Jahr Freiheitsstrafe angehoben worden. “Und dann verärgert es mich, ehrlich gesagt, wenn Herr Maas erklärt, ein Einbruch dringt in die Intimsphäre der Menschen ein und vermag sie nachhaltig zu traumatisieren. Das war die Begründung von Herrn Maas, warum man Einbruch zum Verbrechen gemacht hat. Da frag´ ich mich natürlich, was ist bei sexueller Gewalt gegen Kinder?”

Dunkelziffer geschätzt bei einer Million

Gewalt gegen Kinder ist Alltag in Deutschland, berichten die Kinderschützer. Auch wenn die Zahl der angezeigten Fälle in der Kriminalstatistik stabil geblieben ist. 12.000 bis 14.000 Opfer würden pro Jahr erfasst. Das Dunkelfeld liege bei einer Million, sagt Kathinka Beckmann, Kinderschutzexperten an der Uni Koblenz. “Wir haben Schläge, wir haben sexuelle Gewalt, wir haben Demütigung, wir haben Einsperren und wir haben auch so etwas wie Kinder über Nacht in der Badewanne sitzen lassen, weil sie eine Vier in Mathe haben.”

Taten, die in allen sozialen Schichten begangen werden, berichtet Beckmann. Sie blieben oft unentdeckt, weil Ansprechpartner fehlen und die Jugendämter schlecht ausgestattet sind. “Es wird berichtet von Einarbeitungszeiten, die vielleicht zwei Wochen betragen. Wir haben Pädagogen, die keine Hausbesuche durchführen können, weil kein Geld für ein Auto da ist. Wir haben eine Dokumentationsflut, das heißt, die Sozialarbeiter verbringen 80 Prozent ihrer Zeit am Schreibtisch, anstatt mit Klienten vor Ort zu arbeiten.”

Der Bund müsse endlich Geld in die Hand nehmen, fordert Beckmann, und dafür sorgen, dass die Kommunen nicht länger Kinderschutz und Jugendhilfe nach Kassenlage betrieben.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 13. Juli 2017 um 15:08 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 26.09.2017, 23:48:23