Keine Panik – Fremdenhass ist behandelbar

Gepostet am 01.10.2016 um 14:04 Uhr

Nicht wegsehen, sondern etwas tun: Das eint Menschen in Projekten gegen Fremdenhass und Gewalt. Die große Bühne bekommen sie dafür selten. Ulla Fiebig hat in Pirna und Dresden einige von ihnen getroffen.

Pirna in der Sächsischen Schweiz. Ganz in der Nähe des historischen Marktplatzes liegen die Büros von „Aktion Zivilcourage“. Es sind große, helle Räume. Seit 15 Jahren gibt es den Verein. An der Magnettafel im Besprechungszimmer hängen kleine blaue beschriftete Kärtchen, sortiert nach Monaten.

Jedes Kärtchen steht für eine Veranstaltung, es sind viele. Ein Workshop mit einer neunten Klasse zum Thema Rechtsextremismus etwa: Wie erkenne ich bestimmte Symbole, wie agiert die Szene, wie verhalte ich mich am besten?

Mit Begeisterung bei der Sache

Die Menschen, die hier fest im Team arbeiten, sind jung, zwischen Mitte 20 und Ende 30. Und es ist ihnen anzumerken, dass sie mit Begeisterung bei der Sache sind. Manche sind ganz gezielt dazu gekommen, andere eher zufällig als Quereinsteiger.

Michael Klimke erzählt, er habe ein Praktikum beim Verein gemacht und sei danach geblieben. Franziska Kuhne hat Geografie studiert, ist Stadträtin für die Grünen und wurde gefragt, ob sie mitmachen wolle.

Bücher und Broschüren der „Aktion Zivilcourage“ in Pirna

Demnächst wird es auch ein Medientraining mit Bürgermeistern geben. Sie sollen vorbereitet sein für den Fall, dass etwas in ihrer Region passiert. Alle hier erinnern sich noch gut an die gewaltsamen Krawalle vor einem Asylheim in Heidenau.

Ein Jahr ist das jetzt her. Der Ort ist von Pirna nur ein paar Autominuten entfernt. Dort organisiert der Verein nun ein Mal im Monat ein Begegnungscafé für geflüchtete und Heidenauer Familien.

„Nicht groß emotionalisieren“

Jeder der festen Mitarbeiter ist für ein anderes Projekt verantwortlich. Sie entwickeln Methoden und Formate ständig weiter. Und sie sind oft unterwegs – in Schulen, bei Verbänden, fahren auch mit Gruppen zu Gedenkstätten. Tom Waurig sagt, Vorurteile hätten viel mit Unwissenheit zu tun. Deswegen sei es wichtig zu informieren, ohne groß zu emotionalisieren.

Zum Beispiel darüber, wie ein Flüchtling von Afghanistan nach Deutschland komme. Er merke schon, dass tatsächlich etwas erreicht werde. Häufig gäbe es einen Aha-Effekt. Fremdenfeindlichkeit wird schon viele Jahre in Sachsen beobachtet, durch das Flüchtlingsthema sei das Problem nach seinem Eindruck aber wieder präsenter geworden. Und damit auch der Bedarf an Projekten, wie sie „Aktion Zivilcourage“ anbietet.

Geld für die Arbeit bekommt der Verein vom Land und vom Bund. „Weltoffenes Sachsen“ heißt das entsprechende Förderprogramm; „Demokratie leben!“ das des Bundesfamilienministeriums.

Neue Strategie der Bundesregierung

Allein dieses Programm wurde in diesem Jahr mit 50,5 Millionen Euro ausgestattet, nochmal 10 Millionen Euro mehr als 2015. Das ist Teil einer neuen Strategie der Bundesregierung. Nicht zuletzt der NSU-Untersuchungsausschuss hatte dringend empfohlen, ziviles Engagement gegen Hass, Rassismus und Rechtsextremismus vor Ort noch besser zu unterstützen.

In der Dresdener Neustadt finden Opfer rassistischer Gewalt Hilfe bei Robert Kusche und den anderen Mitarbeitern der Beratungsstelle vom RAA Sachsen. Auch hier viele junge Gesichter. Zu ihnen kommen Menschen, die schockiert oder traumatisiert sind, die Diskriminierung erlebt haben oder tatsächlich schwer verletzt wurden.

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Es sind vor allem Migranten, die angegriffen werden. Durch Gespräche werden sie aufgefangen, die Mitarbeiter begleiten die Betroffenen zur Polizei oder später zum Prozess. Sie helfen auch dabei, Kompensationszahlungen zu erstreiten oder, wenn das gewollt ist, an die Öffentlichkeit zu gehen.

477 solcher Angriffe gab es im vergangenen Jahr in Sachsen. Jetzt, Anfang Oktober 2016 sei schon ein ähnliches Niveau erreicht, berichtet Robert Kusche und spricht von einem dramatischen Anstieg der Gewalt. „Ich würde das gar nicht so sehr auf die Flüchtlinge konzentrieren.“, sagt er. „Der Hauptpunkt ist ja der rassistische Diskurs in der deutschen Gesellschaft. Und in Sachsen merkt man das besonders stark.“

Mehr Arbeit, mehr Belastung

Pegida, die NPD, die AfD, das seien Kräfte, die das Thema immer wieder spielten. Für die Opferberatung bedeutet das mehr Arbeit, mehr Belastung. Auch die eigene Sicherheit sei natürlich ein Thema, aber Angst, sagt Kusche, habe er nicht. Zwar gäbe es immer wieder mal Drohanrufe, aber das Team stünde zum Glück nicht so im Fokus.

Dass die Finanzierung der Projekte immer noch jedes Jahr aufs Neue beantragt werden muss, daran haben sie sich inzwischen gewöhnt. Aber eine wirkliche Kontinuität würde doch Vieles erleichtern. Deshalb hofft Kusche, dass die Bundesfamilienministerin ihre Pläne wahr macht und bald per Gesetz sichergestellt wird, längerfristige Zusagen zu bekommen.

In den Büros der „Aktion Zivilcourage“ in  Pirna werden gerade noch Infoblätter, Luftballons und bedruckte Stoffbeutel zusammengepackt und nach Dresden geschafft. Wenn bei den Feiern zum Tag der deutschen Einheit viele Einheimische und vor allem viele Gäste in der Stadt unterwegs sind, sollen sie vom vielfältigen Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit erfahren.

Zuletzt aktualisiert: 23.08.2019, 02:54:19