Ein Kind an der ehemaligen innerdeutschen Grenze - Bernauer Straße, Berliner Mauer. Foto:imago/IPON

Gewalt in der DDR: Kein Ostproblem, sondern ein Gesamtdeutsches

Gepostet am 06.03.2019 um 17:49 Uhr

Es ist beschämend, dass Betroffene von sexualisierter Gewalt in der DDR so allein gelassen werden. Wir müssen ihnen zuhören, sonst wenden sich immer mehr enttäuscht ab. Ein Kommentar von Franka Welz.

Aha! Mag so mancher während der Vorstellung der Fallstudie gedacht haben – die schlimme DDR, das hat man doch schon immer gewusst. Ich dagegen habe mich geschämt.

Dafür, dass Spezialheime wie die berüchtigten Jugendwerkhöfe teilweise bis 1991 weiter bestanden, also auch noch nach der Wiedervereinigung. Orte, an denen Kinder und Jugendliche unter Druck, Gewaltanwendungen und menschenverachtenden Bedingungen zu sozialistischen Menschen umerzogen werden sollten. Es gab auch Fälle sexualisierter Gewalt. Dafür, dass die Schicksale tausender Kinder und Jugendlicher in den Wendewirren zu Kollateralschäden wurden – denn es gab ja Wichtigeres.

Auf die damalige Ohnmachtserfahrung folgt eine weitere

Geschämt habe ich mich auch dafür, dass Menschen, die nach Jahren des stillen Leidens endlich über das Erlebte sprechen können, sich heute noch gegenüber staatlichen Stellen, die ihnen ja eigentlich helfen sollen, wie „Bittsteller“ fühlen oder gar wie „Bettler“ – dass also auf die damalige Ohnmachtserfahrung heute eine weitere folgt.

Dass sie nicht leichter an Unterlagen und Akten aus den Heimen herankommen, die sie brauchen, wenn sie zum Beispiel eine Rehabilitierung wollen, also dass ihre Einweisung in ein Heim rückwirkend aufgehoben und für nicht mit dem Rechtsstaat vereinbar erklärt wird. Und dass ihnen von mancher Seite sogar noch Geldgier unterstellt wird, wenn sie um Entschädigung ersuchen. Dabei sind durch das Erlebte nicht nur Seelen, sondern oft auch Bildungs- und Erwerbsbiografien zerbrochen – viele sind auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Dass viele sich eine Trauma- oder sonstige Therapie schlicht nicht leisten können und falls doch womöglich gar keinen Platz finden würden.

Das ist kein Ostproblem, sondern ein Gesamtdeutsches

Kurz, dass Betroffene mit ihren Traumatisierungen durch sexualisierte Gewalt, sei es in der eigenen Familie oder in Erziehungsheimen der DDR weiter allein gelassen werden, ist beschämend. Und dass es ihnen damit ebenso ergeht wie anderen Betroffenen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, ist es auch. Ob in Familie, Kirche, Sportverein oder Schule, ob in Ost oder West ist dabei völlig egal. Das ist ein gesamtdeutsches, ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Die große Leistung der Kommission und ihrer Fallstudie ist, dass sie Betroffenen zuhört, ihre Lebensgeschichten und Erfahrungen ernst nimmt. Denn Anerkennung ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Heilung. Davon sollte es mehr geben. Denn wenn wir uns nicht besser um diejenigen kümmern, denen in unserer Gesellschaft Gewalt angetan wird, dann dürfen wir uns auch nicht wundern, wenn sich mehr und mehr von ihnen enttäuscht abwenden.

Autorin: Franka Welz

Zuletzt aktualisiert: 19.06.2019, 13:03:06