Gängelung am „Stillen Tag“?

Gepostet am 18.04.2019 um 20:40 Uhr

Das Tanzverbot am Karfreitag erscheint Kritikern wie aus der Zeit gefallen. Auch in der katholischen Kirche gibt es Stimmen, die die Vorschriften lockern wollen. Von Stefan Maier.

Das Tanzverbot am Karfreitag erscheint Kritikern wie aus der Zeit gefallen. Auch in der katholischen Kirche gibt es Stimmen, die die Vorschriften lockern wollen.

Von Stefan Maier, SWR

Tanzverbot am Karfreitag. Das klingt schon ein wenig anachronistisch in Zeiten, in denen evangelische und katholische Christen nur noch knapp die Bevölkerungsmehrheit bilden und mehr als ein Drittel aller Deutschen konfessionslos sind. Aber die Feiertagsgesetze aller Bundesländer schreiben vor, dass an „Stillen Tagen“ zum Beispiel nicht getanzt werden darf. Es gibt unterschiedlich viele, in Hamburg sind es drei, in Rheinland-Pfalz ganze fünfzehn. Der Karfreitag gehört in allen Ländern dazu.

Und nicht nur Tanzen ist verboten. Sportveranstaltungen sind es, Messen und Märkte, Filmvorführungen, überhaupt alle öffentlichen Veranstaltungen, die nicht der „Würdigung des Feiertages oder einem höheren Interesse von Kunst, Wissenschaft und Volksbildung dienen“. So heißt es etwa in Paragraph 8 des baden-württembergischen Feiertagsgesetzes. Auch Treibjagden sind verboten.

Der Karfreitag gehört für beide Kirchen zu den höchsten Feiertagen im Jahr. Er soll als Tag der Stille, der inneren Einkehr gefeiert werden.

Die österreichische Fahne auf dem Bundeskanzleramt in Wien.

Feiertag – nicht nur für Protestanten

In Österreich ist eine Feiertagsregelung für Karfreitag, die Arbeitnehmer bestimmter Religionsgruppen bevorzugt, nicht rechtens. Das entschied der EuGH und sprach von einer „diskriminierenden Regelung“. | mehr

„Wir könnten auch ‚Heidi in den Bergen‘ vorführen“

Kritiker wie die Mitglieder der Giordano-Bruno-Stiftung sehen in den Karfreitagsverboten eine Gängelung. Sie nennen sich „Religionsfreie“ und wollen sich weder von den Kirchen noch vom Staat vorschreiben lassen, wie sie den Feiertag zu verbringen haben.

Um darauf aufmerksam zu machen, greifen sie zu öffentlichkeitswirksamen Mitteln. In Stuttgart soll am Abend der Monty-Python-Film „Das Leben des Brian“ gezeigt werden, eine Satire der englischen Komikergruppe, die auf religiösen Dogmatismus zielt. Außerdem will man in der Innenstadt eine Tanzdemo veranstalten.

„Wir könnten auch ‚Heidi in den Bergen‘ vorführen, das ist auch ein Film, der keine Feiertagsfreigabe hat. Da könnte man das nochmal absurder steigern“, sagt Christoph Houtman, der Sprecher der Stuttgarter Gruppe. „Aber wir wollen ganz klar sagen, dass auch die Religionsfreien, die Religionskritischen ein Recht haben sollen, den Feiertag so zu gestalten, wie sie das möchten.“

Die Filmvorführung wie auch die Tanzdemo sind nach dem baden-württembergischen Feiertagsgesetz verboten, gelten als Ordnungswidrigkeit und können mit bis zu 1500 Euro Bußgeld bestraft werden.

Verwaltungsgericht gab der Stiftung recht

Hintergrund für die Proteste der Giordano-Bruno-Stiftung ist deren Forderung nach einer Trennung zwischen Kirche und Staat: Der Staat habe eine Neutralitätspflicht in Glaubensfragen. Deshalb kritisieren sie auch die Feiertagsgesetzgebung der Länder. Denn die enthält nicht nur einen Verbotskatalog, sondern regelt auch, dass im Falle einer Ausnahmegenehmigung durch die Ordnungsbehörden vorher die zuständigen kirchlichen Stellen anzuhören sind.

Im Stuttgarter Fall hatten beide Kirchen Protest gegen die Filmvorführung eingelegt. Erst das Verwaltungsgericht entschied im Sinne der Giordano-Bruno-Stiftung. Mit der Begründung, die Veranstaltung ziele auf eine kritische Auseinandersetzung mit dem staatlichen Karfreitagsschutz.

In der Osternacht den Tod „weglachen“

Aber auch in der katholischen Kirche hält mancher die Feiertagsgesetzgebung für nicht mehr zeitgemäß. Pfarrer Stefan Spitznagel aus Marbach am Neckar wünscht sich zwar, dass seine Feiertagsruhe nicht gestört wird, aber ein Tanzverbot hält er für unangemessen.

Spitznagel hat sogar ein Ritual der Kirche aus dem Mittelalter wiederbelebt, das zeigt, dass Humor auch in der Kirche üblich war. In der Osternacht wurde nämlich der Tod „weggelacht“. Der Pfarrer machte auf der Kanzel Witze.

„Da wurden echte Zoten erzählt, also es waren keine harmlosen Witze, sondern zum Teil sehr derbe Witze“, sagt er. „Damit die Leute aus der Verkrampfung des Fastens heraus – dem oft erzwungenen Fasten, das war ja angeordnet, das war ja nicht freiwillig ausgesucht – wieder befreiend lachen konnten.“

Spitznagel hat Erfolg mit dem Osterlachen. Die Kirchenbesucher würden jedes Mal applaudieren und viele Pfarrer, auch evangelische, hätten die Tradition übernommen, sagt er. Den Karfreitag solle jeder so feiern, wie er es für richtig halte.

Zuletzt aktualisiert: 23.05.2019, 18:54:31