Kanzlerin auf Sommertour

Gepostet am 15.07.2017 um 13:43 Uhr

Kurz nach dem G20-Gipfel in Hamburg und einem Abstecher beim französischen Präsidenten Emmanuel Macron in Paris, macht Bundeskanzlerin Angela Merkel noch schnell eine Sommertour. Mit dem Hubschrauber unterwegs absolviert sie im Schnelldurchlauf Auftritte in mehreren norddeutschen Küstenorten.

Der Hubschrauber ist das Signal. Als der Hubschrauber über Kühlungsborn zu hören ist, muss alles ganz schnell gehen: Merkels Sicherheitsleute laufen schnell die Straße runter, dahin, wo sie gleich aus dem Auto steigt. Im Eiscafé “Coco” wird schnell nochmal feucht durchgewischt, da kehrt die Kanzlerin gleich ein. Und auf den Balkonen an der Hauptstraße gehen die Urlauber in Position, die Smartphone-Kameras schon auf stand-by.

Wirklich eine Sommertour?

Merkel auf Sommertour, das läuft anders als bei anderen Politikern. Schulz, Oppermann, Tauber, Scheuer – die mieten einen Bus, wenn sie auf Tour gehen. Da sitzen dann die Mitarbeiter drin, die Pressevertreter und natürlich der jeweilige Politiker selbst und es ist ein bisschen wie auf Klassenfahrt. Wenn Merkel auf Sommertour geht, dann mietet die CDU einen Hubschrauber und Merkel absolviert drei Auftritte in vier Stunden. An Orten, hunderte Kilometer voneinander entfernt. Mit ihr im Hubschrauber sitzt praktisch niemand. Niemand außer Merkel selbst nimmt diese Tour als Tour wahr.

Sehr routiniert

In Kühlungsborn hat Merkel inzwischen Kaffee getrunken, sich über die angepriesenen  bis zu 55 verschiedenen Sorten Eis informiert und einen Strauß Blumen in die Hand gedrückt bekommen, der schon sichtlich gelitten hat. Vom Balkon geifert eine Frau in Merkels Alter ein paar wenig damenhafte Schimpfwörter und endet mit einem lauten: “Hauen Sie ab!” Merkel-Routine: nicht mal richtig hoch gucken, trotzdem winken, trotzdem lächeln. Mit derselben Routine hält sie dann beinahe die gleiche Rede wie eine Stunde zuvor im Heiligenhafen und zweieinhalb Stunden vorher im Neuharlingersiel. Merkt ja keiner.

Ist aber auch nicht so schlimm. Wegweisend Neues erfahren die Zuhörer ohnehin nicht. Eine klassische Wir-haben-viel-erreicht-aber-es-bleibt-viel-zu-tun-Rede. Dann läuft sie auf den Shanty Chor zu, der am Nachmittag das Warm-up für Merkel besorgt hatte. Sie bedankt sich, obwohl sie keinen einzigen Ton der Darbietung mitbekommen hat. Schnell noch ein Foto, schnell wieder weg.

Der Abschluss der Merkel-Tour wird ein Heimspiel. Zingst, ihr Wahlkreis, bestes Wetter. Statt Shanty Chor versucht sich ein Duo mit Ostrock. Dass kaum einer der Anwesenden aus dem Osten kommt, erfährt Merkel erst auf Nachfrage während ihrer Rede. Erklärt aber vielleicht die zurückhaltende Stimmung. “Haben Sie Frau Merkel auf ihrer ganzen Sommertour begleitet?”, fragt mich eine Urlauberin. Nein, muss ich antworten. Denn eine richtige Sommertour war es ja nicht.

 

 

Zuletzt aktualisiert: 19.10.2017, 00:19:03