Was spricht für Gabriel?

Gepostet am 10.01.2017 um 12:31 Uhr

Gabriel kann Kanzlerkandidat werden – denn er hat politisches Talent, ist ein großartiger Redner und hat politischen Instinkt – meint Jörg Seisselberg. Er schildert, warum der SPD-Chef dennoch zögert und womit andere Partei-Granden punkten könnten.

Gabriel kann Kanzlerkandidat werden – denn er hat politisches Talent, ist ein großartiger Redner und hat politischen Instinkt – meint Jörg Seisselberg. Er schildert, warum der SPD-Chef dennoch zögert und womit andere Partei-Granden punkten könnten.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Hauptstadtstudio

Was spricht eigentlich für Sigmar Gabriel als Kanzlerkandidaten der SPD? Auch seine erbitterten Gegner in der Partei – und davon gibt es einige – sagen: Gabriel sei das größte politische Talent seiner Generation. An guten Tagen ist er der beste politische Redner der Republik, an politischem Instinkt kommt er seinem Ziehvater Gerhard Schröder gleich. Außerdem hat er als Umwelt- und Wirtschaftsminister gezeigt, dass er regieren kann. Im Eins-zu-eins-Dialog mit Bürgern ist Gabriel so einnehmend wie wenig andere Politiker.

Doch warum zögert die SPD dann bei der Kandidatensuche? An der Basis ist Gabriel nicht beliebt. Und auch er hat lange gezögert. Denn er kennt seine Probleme. Die sind seit Jahren in Umfragen abzulesen. Gabriels Beliebtheitswerte sind schlecht bis miserabel. Das Image eines Politikers, der ständig seine Meinung wechselt, auf den man sich nicht verlassen kann, der manchmal aufbrausend und häufig populistisch ist, klebt an ihm wie Kaugummi unter der Schuhsohle.

Der Tag der Entscheidung?

Der engste Führungskreis der SPD erwartet von ihm bei dem Treffen in Düsseldorf eine Ansage. Der Originalton eines Präsidiumsmitglieds: “Wenn wir in Düsseldorf nicht auch über die Kandidatenfrage reden, macht das heutige Treffen keinen Sinn.” Gabriel sagte inzwischen, die K-Frage sei in Düsseldorf kein Thema, es gehe um Inhalte.

Wann auch immer – es ist sehr wahrscheinlich, dass Gabriel “Ja” sagt. “Ich gehe davon aus, dass er antritt”, sagt einer aus der Führungsspitze dem ARD-Hauptstadtstudio. Die “Bild” meldet bereits, Gabriel habe sich entschieden, zu kandidieren. Der SPD-Chef selbst schweigt öffentlich. Aber alles andere als ein Ja wäre eine dicke Überraschung. Als SPD-Chef kann er nicht noch einmal einem anderen den Vortritt lassen. Die SPD wird mit Gabriel auf einen Themen-, weniger auf einen Personenwahlkampf setzen.

Geht man nach den Umfragen, spricht aber wenig für Gabriel und viel für Martin Schulz. Laut aktuellem DeutschlandTrend ist der scheidende EU-Parlamentspräsident beliebter als Kanzlerin Angela Merkel. Gabriel liegt deutlich dahinter. Aber: Die SPD hat mit Umfragenkönigen schlechte Erfahrungen gemacht. Auch Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück waren in Umfragen beliebt, stürzten im Wahlkampf ab und fuhren am Ende für die SPD desaströse Ergebnisse ein. Wenn Schulz nicht Kanzlerkandidat wird, wird die SPD ihn als Nachfolger von Steinmeier als neuen Außenminister vorschlagen.

Olaf Scholz halten viele in der SPD für den besten möglichen sozialdemokratischen Kanzler – aber es gibt Zweifel, dass der erfolgreiche Hamburger Bürgermeister deutschlandweit mit seiner spröden Art als Wahlkämpfer funktioniert. In der Parteispitze wird Scholz nur von Vize Thorsten Schäfer-Gümbel und Arbeitsministerin Andrea Nahles unterstützt.

Würde K-Kandidat Gabriel sein Ministeramt aufgeben?

Es ist nicht auszuschließen, dass Gabriel bei einer Kanzlerkandidatur als Minister aus dem Kabinett ausscheidet. Einige in der SPD-Führung fordern das intern mit Nachdruck: Der Kandidat dürfe nicht Teil der Regierung sein. Nur so könne die SPD glaubwürdig für eine Alternative zum “Weiter so” in einer Großen Koalition werben.

Die Sitzung der SPD in Düsseldorf ist geheim, trotzdem dürften der Erfahrung nach in den kommenden Tagen die wichtigsten Ergebnisse bekanntwerden. Offiziell verkünden will die SPD das Ergebnis ihrer Kandidatensuche erst Ende des Monats auf einer Klausurtagung.

Zu spät ist das nicht unbedingt. Der letzte erfolgreiche SPD-Herausforderer, der einen CDU-Kanzler gestürzt hat, wurde noch viel später nominiert. 1998 hat die Partei Gerhard Schröder am 1. März zum Kanzlerkandidaten ausgerufen.

SPD: 10 Fragen und Antworten zur K-Frage
J. Seisselberg, ARD Berlin
11:41:00 Uhr, 10.01.2017

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Januar 2017 um 12:00 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 20.11.2017, 18:11:34