Jobs, jobs, jobs? – Skills, skills, skills!

Gepostet am 13.06.2017 um 17:45 Uhr

Die OECD und das Bundesarbeitsministerium tagen gemeinsam in Berlin und stellen Vorschläge für eine Arbeitsmarktreform vor. Warum der OECD-Chef Fan von Andrea Nahles ist und ob Deutschlands Arbeitsmarkt wirklich Bestnoten verdient, kommentiert Thomas Kreutzmann.

Andrea Nahles, die robust-dauerfröhliche Bundesarbeitsministerin, hat einen exotischen Fan. Er stammt aus Mexiko, war dort mal Außen- und Finanzminister, und ist inzwischen Chef der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, OECD. Er heißt Angel Gurría und hat Nahles und ihrer Arbeitsmarktpolitik heute Bestnoten gegeben.

Denn während andere Volkswirtschaften noch immer nach der Finanz- und Staatsschuldenkrise ab 2008 schwächeln, ist in Deutschland der Arbeitsmarkt regelrecht explodiert:  Höchstbeschäftigung, mit einem Zuwachs von gut neun Prozent gegenüber der Zeit vor der großen Krise.

Bestnoten für Deutschland

Gurría stellte heute in Berlin gemeinsam mit Nahles den neuen OECD-Rahmen für eine Job-Strategie vor. Das hat schon eine Bedeutung, denn die 35 OECD-Mitgliedsstaaten vertreten nicht nur die Ideale von Demokratie und Marktwirtschaft, sondern auch viele höchst potente Volkswirtschaften. Unter den Positivbeispielen steht derzeit das sonst für seine zurückhaltende Lohnpolitik oft gerügte Deutschland vorne.

Gründe sind für die OECD das duale Bildungssystem, die Arbeitsförderung, die neben fachlicher Qualifikation auch Gesundheitszustand und soziales Umfeld umfasst, und die lange umstrittene Einführung des branchenübergreifenden gesetzlichen Mindestlohns. Er hat Geringverdienern mehr Kaufkraft und der deutschen Wirtschaft mehr Dynamik verliehen.

Gurría sieht Deutschland ähnlich wie skandinavische Länder wie Norwegen oder Schweden als Musterbeispiel dafür an, dass hohe Sozialstandards und ordentliche Löhne keineswegs „Jobkiller“ sind;  sondern,  dass sie – ganz im Gegenteil – der Wirtschaft Impulse und der Gesellschaft Stabilität verleihen können.

Wachsender Dienstleistungssektor

Allerdings war dieses Bild dann doch ein bisschen zu schön, um wahr zu sein. Noch vor wenigen Jahren beklagten Gurría und seine OECD den ausgeweiteten und verfestigten Niedriglohnsektor und zu viele befristete Jobs in Deutschland. Diese Probleme sind nicht verschwunden. Andrea Nahles selbst beklagte heute eine Zweiteilung des deutschen Arbeitsmarktes: zwar bekamen 60 Prozent der Arbeitnehmer in den vergangenen Jahren einen ordentlichen Schluck aus der Lohn-Pulle.

Aber das heißt eben auch: 40 % der deutschen Beschäftigten hatten seit 1995 (!), so Nahles, keine Reallohnzuwächse mehr. Hier zeigt sich die hässliche Seite der Globalisierung – sinnbildlich: wenn aus gefeuerten Industriearbeitern Regaleinräumer im Supermarkt werden. Der wachsende Dienstleistungssektor bis hin zum Versandhandel bringt viele neue Jobs hervor – nur sind die eben schlecht bezahlt.

Und viele dieser neuen Handelsjobs könnten auch bald schon wieder wegautomatisiert werden. Die OECD sieht nämlich gerade das innovationsfreudige Deutschland besonders von Automatisierung, Robotisierung und Digitalisierung betroffen.

Qualifizierung als Zukunftsaufgabe

9 Prozent aller Jobs könnten demnächst der Digitalisierung zum Opfer fallen. Wie will man da gegensteuern? Bei der heutigen OECD-Tagung riefen Arbeitsmarktfachleute in der Konferenzsprache Englisch wie Rapper nicht nur stakkatoartig immer wieder „Jobs! Jobs! Jobs!“ – sondern auch: „Skills! Skills! Skills“ – also Fähigkeiten, Fort-und Weiterbildung. Nur qualifiziertere Arbeitnehmer könnten dem Schicksal wegrationalisierter Jobs entgegenwirken.

Das wiederum dürfte der Bundesarbeitsministerin gefallen haben. Sie hält die Qualifizierung für die entscheidende Zukunftsaufgabe der Bundesagentur für Arbeit. Einen entsprechenden Umbau der Behörde hat sie schon angestoßen. Auch das hält Angel Gurría für eine gute Idee. Wie gesagt, der Mann aus Mexiko mag Nahles.

Zuletzt aktualisiert: 17.08.2017, 21:27:08