Die Jamaika-Verhandler sollten es machen wie die katholische Kirche: Sich einsperren lassen und im Kanzleramt übernachten. Foto: imago/Phototek

Jamaika als Konklave

Gepostet am 18.10.2017 um 14:40 Uhr

Die Jamaika-Verhandler sollten es machen wie die katholische Kirche: Sich einsperren, Handys draußen lassen und am Ende mit weißem Rauch antworten. Eine Glosse von Angela Ulrich.

Demokratie ist wirklich anstrengend. Da wollen Schwarz, Gelb und Grün in Ruhe verhandeln, und ständig nerven irgendwelche Journalisten, grüne Fundis, Obergrenzen-Hardliner. Wir ahnen – bald werden kleinste Wasserstände taktisch in die Welt telefoniert. Schluss damit! Die Verhandler sollten sich eine Scheibe bei der katholischen Kirche abschneiden. Genau: ein Konklave, wie sonst für die Papstwahl, diesmal für Jamaika. Blöde Idee? Von wegen! Rom macht das schließlich schon seit 2000 Jahren so: Alle Wahlmänner, die Kardinäle, werden eingesperrt. Ins Gästehaus des Vatikan und in die Sixtinische Kapelle. Reden dürfen sie mit niemandem von draußen und raus dürfen sie erst wieder, wenn sie sich geeinigt haben.

Rein in die schwangere Auster, Türen zu, Handys raus
Für Berlin hieße das: Alle rein in die alte Kongresshalle im Tiergarten, die sogenannte Schwangere Auster, gleich neben dem Kanzleramt. Türen zu. Keine Handys, keine Tablets, weder Radio noch Zeitungen. Die Wahlmänner und –frauen würden abgeschirmt im Kanzleramt schlafen und streng bewacht zur Kongresshalle geführt. Da müssten sie dann miteinander auskommen und Lösungen finden. Ganz ohne Experten, Spin-Doktoren, Lobbyisten und Einflüsterer. Aber auch ohne nervige Fragen einer übermüdeten Journalistenschar.

Schräge Idee? Klar, aber es ginge sicher schneller. Alle wollen irgendwann wieder in bequemen Betten schlafen. Auch das Catering aus der Kanzlerkantine mit Käsebrötchen und lauwarmem Kaffee triebe zur Eile. Angela Merkel als amtierende Päpstin hätte mit ihrer legendären Ausdauer sicher einen Heimvorteil. Horst Seehofer könnte keine Gemeinheiten über seine Parteifreunde nach außen tratschen. Katrin Göring-Eckardt hätte keine nervenden Fundis am Hals. Und Christian Lindner müsste plötzlich ohne Smartphone überleben.

Am Ende steht weißer Rauch: Habemus Mamam!
Geht nicht? Vielleicht doch! Ohne Störung von außen könnten die Koalitionäre plötzlich mal zuhören und nachdenken. Auch mal Neues wagen oder sich irren, wenn sie nicht alles abends in der Tagesschau verkünden müssten. Am Ende hieße es dann: Habemus Mamam! Und weißer Rauch stiege auf, aus dem Schornstein – natürlich CO2-frei.

Das Konklave der Koalitionäre hätte sogar große Vorteile gegenüber dem in Rom: Gewählt wird in Berlin nicht für die Ewigkeit. Spätestens in vier Jahren sitzt man wieder zusammen. Und es geht auch nur um Volksvertreter, nicht um Stellvertreter Gottes. Da kann man eigentlich gar nicht so viel falsch machen.

Zuletzt aktualisiert: 09.12.2019, 02:47:37