„Nichts ist für immer errungen“

Gepostet am 17.01.2019 um 14:32 Uhr

100 Jahre Frauenwahlrecht – und doch ist die Gleichberechtigung für Frauen nicht selbstverständlich und unumkehrbar. Das wurde deutlich bei der Feierstunde des Bundestags. Von Katrin Brand.

100 Jahre Frauenwahlrecht – und doch ist die Gleichberechtigung für Frauen nicht selbstverständlich und unumkehrbar. Das wurde deutlich bei der Feierstunde des Bundestags.

Von Katrin Brand, ARD-Hautstadtstudio

„Wir feiern heute etwas Selbstverständliches: Dass Frauen Staatsbürgerinnen sind, dass sie sich an der Gestaltung von Staat und Gesellschaft ebenso beteiligen wie Männer. Dass sie dieselben Rechte haben“, sagte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble.

Da waren vom Festakt gerade einmal zwei Minuten um. Die verbleibenden fast eineinhalb Stunden aber zeigten: Nein, es ist bis heute nicht selbstverständlich, dass Frauen in der Politik aktiv sind. Womöglich wird es sogar gerade schlimmer statt besser, warnte Christine Bergmann.

Die frühere Frauenministerin von der SPD sagte, die Frauen müssten aufpassen, „dass der Zug nicht rückwärts fährt und mühsam errungenes Terrain nicht verloren geht. Nichts ist, wie wir wissen, für immer errungen.“

Bundestag feiert 100 Jahre Frauenwahlrecht
tagesschau24 14:54:00 Uhr, 17.01.2019

Noch lange keine Parität

100 Jahre ist es her, dass Frauen zum ersten Mal wählen und sich wählen lassen durften – ein hart erkämpftes Recht. 37 Frauen zogen 1919 in die Nationalversammlung ein. Das war ein Frauenanteil von fast neun Prozent, der höchste weltweit damals und ein Wert, der im Bundestag erst in der 1980er-Jahren wieder erreicht und überschritten wurde.

Männer und Frauen in gleich hoher Anzahl gab es im Bundestag allerdings noch nie. 36,5 Prozent Frauenanteil war der bisher beste Wert. Das war 2013. Danach sank er wieder auf 31 Prozent. Es gebe noch viel zu tun, mahnte CDSU-Politiker Schäuble in der Feierstunde: „Auch wenn Frauen längst in politischen Spitzenpositionen zu Hause sind: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Da hat die Bundeskanzlerin recht.“

Das Ziel: Unabhängig Prioritäten setzen können

Das könnte etwas mit der Verteilung der unbezahlten Arbeit in dieser Gesellschaft zu tun haben. Schäuble jedenfalls nahm die Männer in die Pflicht: „Erst wenn Frauen und Männer wirklich frei entscheiden können, wo sie die Prioritäten in ihrem Leben setzen wollen, ohne auf Beruf oder Familie oder gesellschaftliches Engagement zu verzichten, ist das Ziel erreicht.“

Da wurden die Rednerinnen der Feierstunde doch sehr deutlich, vor allem deutlich politischer. Christine Bergmann erinnerte die Westdeutschen daran, dass in Sachen Gleichberechtigung die DDR-Frauen ihnen einiges voraus hatten, zum Beispiel durch ihre Erwerbstätigkeit: „Erwerbstätige Mütter galten nicht als Rabenmütter.“

Reform des Frauenwahlrechts

Statt den niedrigen Anteil von Frauen in der Politik zu beklagen, sei es Zeit, sich mit einem Paritätsgesetz zu befassen, forderte die SPD-Politikerin: „Wir brauchen die Parität bei der Listenaufstellung und den Direktmandaten. Wir brauchen eine echte Wahlrechtsreform, die die Justizministerin erfreulicherweise in Aussicht gestellt hat.“

Der Vorstoß wurde vor allem von der SPD und den Grünen beklatscht – und von Rita Süßmuth, der ersten Bundesfrauenministerin überhaupt. Die CDU-Politikerin war von Helmut Kohl ins Amt geholt worden. Für sie ist das Jahr 1919 ein kleines Wunder, nicht selbstverständlich, sondern eine große Errungenschaft: „Verzeihen Sie, wenn ich sage, ja, es ist ein Frauentag. Aber für mich ist es ein Menschenrechtstag.“

Sie wolle auch keine weiteren 50 Jahre auf den nächsten Schritt warten, sagte die 81-Jährige unter dem Applaus des Bundestags, und gab, immer noch kämpferisch, der Männermehrheit einen Rat: „Wer heute annimmt, er könnte ohne Frauen in der Welt etwas bewirken, der irrt sich.“

Feierstunde im Bundestag: 100 Jahre Frauenwahlrecht
Katrin Brand, ARD Berlin
13:35:00 Uhr, 17.01.2019

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Januar 2019 um 11:00 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 16.09.2019, 15:31:26