Ist der Weltfrauentag ein guter Feiertag?

Gepostet am 08.03.2019 um 14:02 Uhr

Berlin hat den Weltfrauentag zu einem gesetzlichen Feiertag erklärt. Ob das eine richtige Entscheidung ist? Sophie von der Tann und Martin Mair sind unterschiedlicher Meinung. Ein Pro & Contra

Pro von Sophie von der Tann

Wozu ist ein Feiertag eigentlich da? Zugegeben, mein erster Gedanke: Ich hab frei, muss nicht arbeiten, kann die Beine hochlegen. Aber eigentlich sind Feiertage doch mehr als das. Am 3. Oktober feiern wir die Deutsche Wiedervereinigung, zu Weihnachten feiern Christen die Geburt von Jesus und am 1. Mai demonstrieren Arbeiter für ihre Rechte. Feiertage sind Anlass, zu feiern, sich zu erinnern und wertzuschätzen – aber auch um auf Missstände aufmerksam zu machen. Und genau deswegen finde ich es richtig, den Weltfrauentag zum Feiertag zu machen.

Dieser Tag gibt Anlass, über Gleichberechtigung zu diskutieren, er macht uns darauf aufmerksam, dass Frauen in Deutschland durchschnittlich immer noch 21 Prozent weniger als Männer verdienen, dass grade einmal 12 Prozent der deutschen DAX-Vorstände Frauen sind – in den USA und Schweden sind es übrigens etwa doppelt so viele. Frauentag heißt für mich nicht nur rote Nelken verteilen. Frauentag heißt, auf diese Missstände hinzuweisen, darüber zu diskutieren – und, wenn ich schon frei habe, vielleicht auch auf die Straße zu gehen, bei einem Women’s March mitzumachen.

Und vielleicht würde auch anderen Bundesländern ein Feiertag wie der Frauentag nicht schlecht tun. Denn bis hin auf den 1. Mai und den 3. Oktober haben fast alle Feiertage in Deutschland einen religiösen Hintergrund. Und das obwohl laut einer ARD-Umfrage nur noch für 37 Prozent der Deutschen Glaube und Religion eine große Bedeutung hat. Darf ich deshalb die ketzerische Frage stellen: Warum nicht einen Feiertag eintauschen gegen einen weltlichen wie den Weltfrauentag? Ich finde, die Zeit ist reif dafür.

Contra von Martin Mair

Feiertage sind immer symbolträchtig. Es sagt nämlich viel über eine Gesellschaft aus, welche Gedenktage sie arbeitsfrei stellt. Klar, liege ich heute gerne auf dem Sofa. Bloß finde ich es trotzdem falsch, den Frauentag zum Feiertag zu erklären.

Der Berliner Senat will das als Symbol verstanden wissen: für Gleichstellung und Selbstbestimmung. Mir ist klar, dass das noch ein hartes Stück Arbeit für uns alle ist, bloß: Frauen bringt ein Feiertag auf dem Weg dorthin kein Stückchen weiter. Mehr noch: Ich empfinde den Feiertag als Hohn: Alle haben frei, frau kriegt ein paar Blümchen, ein paar warme Worte und dann, tja, schnell zurück zur Tagesordnung. Wäre Gleichberechtigung etwas Selbstverständliches, dann bräuchte es keinen Feiertag. Er taugt also nicht als Symbol für die Rechte der Frauen.

Gleichzeitig hat die rot-rot-grüne Regierung in Berlin eine echte Chance vertan: Grund für den zusätzlichen freien Tag ist ja, dass die Hauptstadt Schlusslicht im bundesweiten Vergleich ist. Auch ich erkenne da einen Nachholbedarf, aber es wäre klug gewesen, einen Feiertag für alle zu finden, der für die Werte unserer Gesellschaft steht. Wie wäre es mit dem 8. Mai, dem Tag der Befreiung, der zumindest einer Hälfte Deutschlands den Weg in die Demokratie ermöglicht hat? Oder dem Tag des Mauerfalls am 9. November – auch ein Tag, an dem ich lieber frei hätte als heute. Und eben nicht nur, um faul auf dem Sofa zu liegen. Sondern, weil das wirklich symbolträchtige Tage sind.

Zuletzt aktualisiert: 06.12.2019, 01:06:23