Was für Folgen hat die Iran-Krise für Deutschland? Politikwissenschaftler und Iran-Experte Cornelius Adebahr. Foto: ARD-Hauptstadtstudio

Iran-Krise: Es geht um das Verhindern eines Krieges

Gepostet am 18.05.2019 um 13:06 Uhr

Die Spannungen im Iran sind besorgniserregend. Warum die USA den Druck auf den Iran verstärken? Und wie Europa auf die Krise reagieren muss? Der Politikwissenschaftler Cornelius Adebahr im Interview.

Cornelius Adebahr ist in diesen Tagen eines möglichen Militär-Konflikts zwischen den USA und Iran ein gefragter Mann. Der Politikwissenschaftler und Autor hat jahrelang in Teheran und Washington gelebt. Er tut die aktuellen Spannungen zwischen Teheran und Washington nicht einfach ab. Er meint vielmehr:

„ Das gibt schon Anlass zur Besorgnis. Ich denke, dass es auch gleichzeitig eine Art Gegenbewegung gibt. Es gibt jetzt viele, die zur Besonnenheit aufrufen. Das heißt, es ist nicht ausgemacht, dass es einen Krieg geben wird. Aber man muss eben sehr wachsam sein, einfach, weil es gerade ein großes Konfliktpotenzial in der Region gibt.“

Das Konfliktpotenzial im Iran

Das sind die Spannungen zwischen Iran und Saudi-Arabien, der Grundkonflikt zwischen Sunniten und Schiiten, der zu Konflikten und Stellvertreterkriegen in Nahost, der Levante und der Arabischen Halbinsel führt; vom Jemen, über die Emirate weiter bis Libanon, Syrien und in den Irak.

Iran ist zwar ein jahrzehntelang wirtschaftlich und militärisch geschwächter Staat. Doch in Zusammenarbeit mit regionalen Milizen wie den Huthi im Jemen oder der Hisbollah im Libanon gewinnt er zunehmend Einfluss als Regionalmacht.

Es gibt keine klaren Beweise für die neueste Eskalation

Doch es ist ungeklärt, ob der Iran hinter der neusten Eskalation steckt, wie es ihm die USA vorwerfen: den Angriffen auf vier Handelsschiffe vor der Küste der Arabischen Emirate und Attacken mit Drohnen auf saudische Ölpipelines.

Klare Beweise sind der Öffentlichkeit bisher nicht bekannt, auch wenn Hardliner in der US-Administration wie Außenminister Mike Pompeo und Trumps Nationaler Sicherheitsberater John Bolton eine iranische Täterschaft oder Anstiftung für sicher halten. Politikwissenschaftler Adebahr wiederum hält den Iran zwar durchaus für „eine Bedrohung“. Aber er sagt auch:

„Auch in den USA wird sehr stark darüber gestritten – im Kongress genauso wie in der Administration, ob das jetzt wirklich eine gerechtfertigte Reaktion ist. Ob die Bedrohung durch den Iran so groß ist, dass man einen Flugzeugträger dahinschicken muss, oder dass man bis zu 120.000 Soldaten mobilisieren muss. Nach dem, was mehrheitlich und auch in Europa diskutiert wird, ist die Bedrohung durch Iran weiterhin da. Aber sie ist eben nicht gestiegen.“

Trotzdem verschärfen die USA den Druck. Für Adebahr Ausdruck einer gezielten Strategie Washingtons:

„Ich denke, das Kalkül bei den „Falken“ in Washington ist, dass irgendwann Iran einen Fehler oder eine Aktion machen wird, die dann dazu führt, dass Washington tatsächlich militärisch reagieren kann. Es geht nicht in erster Linie darum, jetzt aktiv einen Krieg zu führen. Sondern es geht darum, so stark Druck auszuüben durch eben das Zudrehen des Ölhahns, durch das Abschneiden möglicher Finanztransaktionen und anderer Dinge, dass Iran so sehr unter Druck gesetzt wird, dass sie sich wehren.“

Krieg im Iran würde „massenhaftes Elend in der Region“ bedeuten

Was würde Krieg im Iran bedeuten – etwa auch wieder eine Massenflucht nach Europa wie aus Syrien und aus Flüchtlingslagern in der Türkei 2015? Cornelius Adebahr schließt das nicht aus, sagt aber auch:

„Das Hauptszenario wäre eben massenhaftes Elend in der Region. Zerstörung natürlich. Deshalb sollte man diesen Krieg verhindern. Nicht, weil man vielleicht selbst hierzulande durch Flüchtlingsströme betroffen ist.“

Für Adebahr profitiert das Mullah-Regime durchaus selbst von äußerem Druck. Der jahrelange Krieg gegen den Irak habe das Regime sehr zäh und die Menschen in gewisser Weise auch leidensfähig gemacht:

„Das Regime selber bemüht jetzt diesen Vergleich und sagt, dass man vielleicht einer ähnlichen Härteperiode wieder gegenübersteht. Und so wie man damals erfolgreich daraus gegangen sei, so werde man auch diesmal erfolgreich da herausgehen.“

Europa müsse das Abkommen verteidigen, einen Krieg verhindern

Doch man lebe eben auch nicht mehr in den 1980er Jahren, als Irak und Iran sich in einen äußerst blutigen Stellungskrieg verbissen hatten:

„Gleichzeitig hat aber die iranische Gesellschaft natürlich die letzten Jahre auch eine Art Öffnung erlebt, auch schon vor dem aktuellen Präsidenten. Die Menschen wollen mehr Freiheiten. Sie wollen nicht zurück ins Beengte, ins Eingezwängte. Sie wollen an der internationalen Welt teilhaben.“

Adebahr würde deshalb eher auf mehr wirtschaftliche Kontakte mit dem Iran und auf einen „Wandel durch Annäherung“ setzen, wie er sich bereits im Ost-West-Konflikt seit dem Kalten Krieg bewährt hat:

„Wir wollen eine wirtschaftliche Öffnung. Wir wollen eine gesellschaftliche Öffnung. Wir wollen die wissenschaftliche Öffnung. All diese Kanäle sollten jetzt wieder bespielt werden. Seit dem Rückzug der Amerikaner aus dem (Atom-)Abkommen sind die Europäer wieder ein bisschen zurückgeworfen auf das Verteidigen dieses Abkommens, das Festhalten, das Möglichmachen überhaupt grundsätzlicher wirtschaftlicher Transaktionen. Und jetzt aktuell noch einmal mehr zurückgeworfen auf das Verhindern eines Krieges.“

Mehr dazu am Sonntag, 19.05., um 18.30 Uhr im Bericht aus Berlin, in dem Oliver Köhr Außenminister Heiko Maas, SPD, auch dazu befragt.

Zuletzt aktualisiert: 24.06.2019, 11:07:10