Wenn der Arzt den Patienten nicht versteht…

Gepostet am 06.07.2016 um 17:36 Uhr

Wer krank ist, muss zum Arzt. Damit der behandeln kann, muss sich der Patient allerdings verständlich machen können. So einfach, so logisch. Eigentlich. Denn das Integrationsgesetz sieht für Flüchtlinge im Krankheitsfall keine Dolmetscher vor. Von T. Anthony.

Wer krank ist, muss zum Arzt. Damit der behandeln kann, muss sich der Patient allerdings verständlich machen können. So einfach, so logisch. Eigentlich. Denn das Integrationsgesetz sieht für Flüchtlinge im Krankheitsfall keine Dolmetscher vor.

Von Tamara Anthony, ARD-Hauptstadtstudio

Am Donnerstag soll das Integrationsgesetz im Bundestag verabschiedet werden. Ärztevertretungen kritisieren das Gesetz. Schon das vorangegangene Asylpaket sei zu Lasten der gesundheitlichen Versorgung von Flüchtlingen gegangen, beklagen sie. Nun stehe ein Integrationsgesetz zur Abstimmung, das zunächst noch sinnvolle Veränderungen vorgesehen habe, die in der Endfassung aber nicht mehr enthalten seien.

Konkret geht es diesmal um die Sprachprobleme bei der ärztlichen Behandlung von Flüchtlingen. Im Referentenentwurf war noch eine Kostenübernahme für Dolmetscherleistungen vorgesehen. In der aktuellen Version ist das gestrichen. „Die Verständigung zwischen Arzt und Patient ist Voraussetzung für eine Behandlung“, meint der Präsident der Bundesärztekammer, Ulrich Montgomery. Dementsprechend müsse der Arzt die Möglichkeit haben, einen Sprachmittler hinzuzuziehen. „Ich kann als Arzt nur die Verantwortung für die Diagnose und die Behandlung übernehmen, wenn die Kommunikation möglich ist“, sagt Montgomery.

Extrem hohe Hürden bis zum Dolmetscher

Bisher liegt die Kostenübernahme von Übersetzungen im Ermessen der Behörde. Seit 2009 gibt es den Beruf der Sprachmittler im Gesundheits- und Sozialwesen. Viele dieser Sprachmittler werden über das Sprachmittler-Pool der gemeinnützigen Organisation bikup vermittelt. Immer wieder stoßen sie aber an die Hürde der Kostenübernahme. Denn es ist nicht nur fraglich, ob eine Behörde überhaupt die Sprachmittlung zahlt, der Weg bis zur Kostenübernahme ist auch extrem bürokratisch. Daher wird in der Regel gar nicht nach einem Sprachmittler gefragt, meint bikup-Leiterin Varinia Fernanda Morales. Ihre Organisation vermittelt pro Tag etwa 30 interkulturell ausgebildete Übersetzer – vor allem in Kliniken oder einzelne Städte, die sich in dem Bereich engagieren.

„Manche haben verstanden, dass ohne vernünftige Kommunikation die Zahl von Fehl- und Unterversorgung steigt und es letztlich zu Mehrausgaben führt“, so Fernanda Morales. Sie fordert einen Katalog, bei welchen Behandlungen Sprachmittler unerlässlich sind. Besonders engagiert wird die Debatte im Bereich der Psychotherapie geführt. Dort ist die Kommunikation anerkanntermaßen Teil der Behandlung. Eine wissenschaftliche Studie in Kooperation mit dem Bundesamt für Flüchtlinge ermittelte, dass etwa 40 Prozent der Flüchtlinge traumatisiert sind.

„Wenn man anerkennt, dass eine Psychotherapie notwendig ist, aber man die Frage der Sprachmittlung nicht löst, ist die Debatte um die Versorgung von traumatisierten Flüchtlingen heuchlerisch“, findet Diedrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer. „Wir fordern einen grundsätzlichen Anspruch auf Sprachmittlung, wenn der Arzt und Psychotherapeut sonst die Therapie nicht durchführen kann“, sagt er.

Hohe finanzielle Belastung für Krankenkassen

Im Referentenentwurf war noch geplant, die Kosten für die Sprachmittlung der jeweiligen Träger der Behandlung zu überlassen. In den ersten 15 Monaten des Aufenthaltes eines Flüchtlings in Deutschland wären das die Kommunen, danach die gesetzliche Krankenversicherung.

Der AOK-Bundesverband errechnete, dass Dolmetscher für alle Migranten mindestens 120 Millionen Euro Mehrausgaben im Jahr für die Kassen bedeuteten. Die hohen Kosten werden jedoch nicht als Grund für die Streichung aus dem Gesetz genannt. Die Grünen-Abgeordnete Maria Klein-Schmeinck wollte in einer Kleinen Anfrage an das für diesen Bereich federführende Bundesarbeitsministeriums wissen, warum die Kostenübernahme aus dem Gesetz herausgestrichen wurde und ob das Ministerium den Bedarf an Sprachmittlern in der Gesundheitsversorgung anerkenne. Die Antwort: „Die Bundesregierung ist der Auffassung, dass die Möglichkeiten der Inanspruchnahme von Sprachmittlung ausreichend sind“. Die Grünen Abgeordnete Maria Klein-Schmeink findet das schlicht „verantwortungslos“.

Zuletzt aktualisiert: 20.08.2019, 16:13:46