Inhalt top, Performance flop: Steinmeier gegen den Brüll-Pöbel

Gepostet am 20.09.2017 um 12:37 Uhr

Bundespräsident Steinmeier hat auf einer Veranstaltungsreihe zur Zukunft der Demokratie vor einer Verrohung der politischen Kultur gewarnt. Evelyn Seibert meint, Steinmeier warnt ein bisschen spät.

Das mal vorneweg: Der Mann hat Recht. Es ist tatsächlich unerträglich, wenn man zu einer normalen Wahlveranstaltung geht und kein Wort versteht, weil man niedergepfiffen oder grob beschimpft wird. Für die Wähler und für die Politiker, die erst Tomaten abbekommen und anschließend auch noch im Internet beleidigt und bedroht werden. Das geht nicht. Und Parteien, die ihre Anhänger losschicken, sich so pöbelig zu verhalten, verletzen die demokratischen Spielregeln und haben in Wahlkampf und  Parlament nichts zu suchen.

Das auszusprechen dauert 20 Sekunden und hätte so oder so ähnlich schon längst gesagt werden  müssen. Es betrifft genau das Kernthema, das sich Bundespräsident Steinmeier auf die Fahne geschrieben hat: Demokratie. Seit Monaten tourt er damit durch’s Land. Nur: Wer nicht zufällig da wohnt, wo Steinmeier grade aufschlägt, bekommt vom neuen Bundespräsidenten nicht viel mit.

Richtiges Thema, aber zu spät

Natürlich haben wir Wahlkampf und natürlich achtet Steinmeier genauestens darauf, unparteiisch rüber zu kommen. Auf keinen Fall will er als ehemaliger SPD-Minister wahrgenommen werden. Aber deswegen im Wahlkampf in der Versenkung zu verschwinden, muss ja auch nicht sein.

Gerade jetzt geht es doch um sein Lieblingsthema, die Demokratie. Wer, wenn nicht der unparteiische Präsident, sollte was zu den Spielregeln sagen? Damit erst vier Tage vor der Wahl um die Ecke zu kommen, ist ein bisschen spät.

Abgehoben und distanziert

Dazu kommt: Die Art, wie er es sagt, ist eine Mischung aus leichtem Spott und Intellektuellensprech. Tomaten seien im demokratischen Diskurs kein Mittel zu höherer Erkenntnis und Ohrenschmerzen  keine geglückte Kontroverse. Diese „sophisticated“  Wortwahl wird die anwesenden Philosophen seiner Debattierrunde im Schloss Bellevue sicher amüsiert haben. Aber es klingt auch ein bisschen abgehoben und distanziert. In solchen Momenten denkt man an den hochgradig emotionalen Pfarrer Gauck zurück, der einfach losschimpft und die Menschen erreicht.

Also Herr Bundespräsident: Inhalt top. Performance flop.

Zuletzt aktualisiert: 20.06.2019, 23:12:41