Im Kampf gegen das Postfaktische: Der Aydan-Özoguz-Rapport

Gepostet am 09.12.2016 um 14:28 Uhr

Zahlen und Fakten zum Thema Ausländer, Flüchtlinge und Einwanderung präsentiert die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz. Der Integrationsbericht zeigt, wo es Fortschritte gibt und wo weiteren Handlungsbedarf.

737 Seiten: So dick ist der Wälzer, den Aydan Özoguz in die Bundespressekonferenz schleppt. Ihr Arbeitsplatz ist im Kanzleramt, sie ist die Migrations- und Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. Man hört sonst nicht allzu viel von ihr, doch heute stellt sie ihren Zwei-Jahres-Bericht vor. Der Titel: Eher abschreckend („Teilhabe, Chancengleichheit und Rechtsentwicklung in der Einwanderungsgesellschaft Deutschland“) – doch der Inhalt hat es in sich: Zahlen und Fakten, alles, was man über Ausländer, Flüchtlinge und Einwanderung wissen will.

Mit unserer gefühlten Wirklichkeit haben diese Fakten überraschend oft nichts zu tun: Zum Beispiel kommt trotz Flüchtlingsandrang knapp die Hälfte der Zuwanderer des letzten Jahres aus EU-Ländern (Von 2,1 Millionen Zuwanderer waren „nur“ 900.000 Flüchtlinge). Und: Jeder fünfte, der in Deutschland lebt – ob Deutscher oder nicht – hat schon einen Migrationshintergrund. Für die Statistiker ist das jeder, der im Ausland geboren wurde oder der zumindest ein im Ausland geborenes Elternteil hat.

Fakten gegen Stimmung

Im Rapport gibt es jede Menge Positives: Die Kita-Besuchsquote von Zuwandererkindern ist bei 90 Prozent, es machen mehr Abi oder den mittleren Schulabschluss als früher. Probleme gibt es bei der beruflichen Bildung. Aber eigentlich nur, weil Bewerber mit ausländisch klingenden Namen weiterhin weniger zum Vorstellungsgespräch geladen werden. Bemerkenswert auch: In die Integrationskurse drängen nicht nur Flüchtlinge (die ganz besonders) sondern inzwischen auch viele andere: Polen, Russen, Bulgaren – alle wollen Deutsch lernen.

Doch was sind schon Fakten. Die Stimmung ist oft anders. Und die Stimmung im Land ist rauer geworden. Wenn ein Flüchtling ein Verbrechen begeht, dann ist in den sozialen Medien sofort klar: alle Flüchtlinge sind Mörder und Vergewaltiger. Aydan Özoguz hat da einen eher kuriosen Vergleich: Wenn da eine RAF-Rentner-Truppe reihenweise brutale Raubüberfälle begehe, sage ja auch keiner: Alle deutschen Rentner sind Räuber. Oder ganz ernsthaft: Man müsse über kriminelle Flüchtlinge offen sprechen, aber es sei eben auch richtig: Gerade unter syrischen Flüchtlingen sei die Kriminalität gleich Null.

Auch wenn es mühsam ist: Übler Stimmungsmache kann man nur mit Fakten begegnen. Da sind die 737 Seiten nicht zu lang.

Korrespondent

Robin Lautenbach

Robin Lautenbach
TV-Korrespondent

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Zuletzt aktualisiert: 22.11.2018, 12:11:34