Hypothetisches Stühlerücken im Bundestag

Gepostet am 08.09.2017 um 17:54 Uhr

Der nächste Bundestag wird höchstwahrscheinlich sechs Fraktionen haben, zwei mehr als bisher. Da kann man sich schon mal ein paar Gedanken darüber machen, wer wo sitzen soll. Feste Regeln gibt es dafür nämlich nicht, nur Traditionen.

Zunächst mal richtet sich die Sitzordnung im Parlament nach dem üblichen Rechts-Links-Schema: Je konservativer, desto weiter rechts, je progressiver, desto weiter links – immer vom Präsidenten her gesehen. Eine derartige Sitzordnung gab es zum ersten Mal im französischen Parlament im frühen 19. Jahrhundert. Dort beanspruchten Adel und Kirchenleute, Konservative also,  den “Ehrenplatz” auf der Rechten. Bürger und Bauern saßen weiter links. Erstes deutsches Parlament mit einer solchen Sitzordnung war das in der Frankfurter Paulskirche, 1848. Würde man sich im nächsten Bundestag komplett nach diesem Prinzip richten, wäre die Sortierung ziemlich einfach. Von links nach rechts gesehen säßen dort erst die Linke, daneben die Grünen, dann die SPD, die FDP, die Union und rechtsaußen die AfD.

Oder doch lieber stehend in der Mitte?

Aber so einfach ist es nicht: Der Bundestag hat nämlich auch noch seine eigenen Traditionen. Ganz rechtsaußen saß von 1949 bis 2013 keineswegs die Union, sondern immer die FDP. Die galt in den Anfangsjahren der Bundesrepublik als nationalliberal und wurde deshalb dort einsortiert, und später hatte keiner mehr Lust zu tauschen. Und um den Platz der Grünen gab es 1983, als die erstmals ins Parlament einzogen, richtig Krach: Unbestritten waren die Grünen damals ziemlich links. Aber wenigstens im Plenarsaal wollte die SPD keine Fraktion links von sich haben, die Union wiederum wollte die Neuen genau dort linksaußen hinpacken. Es ging so lang hin und her, dass die Grünen irgendwann sogar drohten, sie würden bei der ersten Parlaments-Sitzung überhaupt nicht sitzen, sondern in der Mitte stehen bleiben. Dazu kams nicht, man einigte sich auf den Platz zwischen SPD und Union. Und dort, mittendrin, sitzen die Grünen bis heute.

Bundestagspräsident Norbert Lammert muss eine Lösung finden 

Viele Traditionen also, auch widersprüchliche. Die Aufgabe, die künftig wahrscheinlich sechs Fraktionen irgendwie zu sortieren, wird noch Norbert Lammert zufallen, dem scheidenden Bundestagspräsidenten. Sein Job ist es, vor der konstituierenden Sitzung des neuen Bundestages gemeinsam mit den Fraktionen eine einvernehmliche Lösung zu suchen. Das hat bisher immer geklappt. Gelingt es aber diesmal nicht, dann dürfte Norbert Lammert zur Not auch einfach festlegen, wer in der ersten Sitzung wo sitzen muss. Für spätere Sitzungen könnte dann der Bundestag mit  Mehrheit über die Sitzordnung entscheiden.

Welche Plätze sind am besten?

Welche Plätze im Plenarsaal gut sind, und welche schlecht, dazu gibt es sehr unterschiedliche Meinungen. Rechtsaußen zum Beispiel bedeutet: Direkt vor der Regierungsbank. Dafür aber ganz am Rand. Ist das jetzt gut oder schlecht? Früher galten die Mittelplätze als besonders günstig, weil die Fernsehkameras hinter dem Präsidenten standen und die Mitte des Plenums dadurch häufig im Bild war. Heute allerdings gibt’s mehr Kameras im gesamten Saal, dieses Argument zieht also nicht mehr ganz so stark.

Eine Rangfolge, nach dem Motto, die einen sitzen weiter hinten, die anderen weiter vorn, gibt es für die Fraktionen im Parlament natürlich nicht: Jede hat Anspruch auf Plätze in der ersten Reihe. Wie viele, hängt von ihrer Größe ab. Dort, ganz vorne, sitzen dann die Fraktionschefs und die Parlamentarischen Geschäftsführer  – das sind auch die einzigen, die wirklich feste Plätze haben. Alle anderen Abgeordneten können sich im Bereich ihrer Fraktion dort hinsetzen, wo sie gerade wollen.

 

Zuletzt aktualisiert: 12.12.2017, 17:08:43