Trauer um Helmut Kohl in Ludwigshafen

Helmut Kohls letzter Dienst

Gepostet am 21.06.2017 um 17:44 Uhr

Der verstorbene Altkanzler Kohl wird am 1. Juli in Straßburg mit einem europäischen Trauerakt geehrt. Einen deutschen Staatsakt gibt es nicht. Und das ist richtig, meint unser Kommentator Achim Wendler.

Was für eine kluge Entscheidung! Wenn Helmut Kohl mit einem europäischen Trauerakt gewürdigt wird, ist das für alle gut: für Europa und für Kohl selbst, der sich noch einmal in den Dienst der Sache stellen kann.

Immer, wenn ein großer Mann zu Grabe getragen wird, geht es weniger um ihn selbst als um die politische Ordnung, für die er stand. Diese Ordnung nutzt den Tod als Anlass, um sich in Szene zu setzen und für sich zu werben.

Motorradeskorte und Starfighter für Adenauer

Die alte Bundesrepublik hat das gern gemacht. Sie war generell viel zu bescheiden, ja unsicher mit ihrer Symbolik. Nur nicht bei Trauerzeremoniellen. Da hat sie aufgetrumpft. Konrad Adenauers Begräbnis ist das beste Beispiel: Es gab eine Motorradeskorte und einen Schiffskonvoi für den Sarg, zwölf Starfighter donnerten über den Rhein, Staatenlenker aus der ganzen Welt waren zu Gast. Es ging aber weniger um Adenauer als vielmehr um Deutschland und dessen Stabilität. Deutschland zeigte selbstbewusst, wie es gesehen werden wollte: stark, gastfreundlich, offen und international wieder geachtet.

Europa muss sich in Szene setzen

Jetzt ist Helmut Kohl gestorben. Er stand für beides, für Deutschland und für Europa. Die Frage ist, welche dieser Ordnungen Eigenwerbung derzeit nötiger hat. Natürlich Europa. Die Briten gehen, die Osteuropäer torpedieren, die Griechen zürnen. Europa braucht dringend jede Gelegenheit, sich in Szene zu setzen. Das gängige Bild von Europa ist die blaue Flagge mit Sternen, oder es sind die Staats- und Regierungschefs, die vorfahren zum Gipfel. Sowas ist doch kein Bild! Es geht nicht zu Herzen! Ein großes Trauerzeremoniell hingegen täte das.

Man kann sich jetzt mit Kleinlichem aufhalten. Zum Beispiel, dass Kohl doch einen deutschen Staatsakt verdient habe. Wer so argumentiert, kennt nicht den Zweck eines politischen Begräbniszeremoniells. Es geht nicht um Versöhnung derjenigen, die mit dem Toten zeitlebens über Kreuz lagen. Es geht um politische Stabilität. Die braucht Europa wirklich mehr als Deutschland.

Neues Bild von Europa zeigen

Wer einen traditionellen nationalen Staatsakt fordert, verkennt zugleich das Wirken Kohls. Er war immer bereit, deutsche Souveränität abzutreten, zugunsten Europas. Jetzt kann Deutschland auch gut auf diesen Staatsakt verzichten, zugunsten Europas.

Kohl hat der EU eine Ordnung gegeben. Im Tod gibt er ihr Gelegenheit, ein neues Bild von sich zu zeigen. Eines, das zu Herzen geht.

Zuletzt aktualisiert: 20.09.2018, 22:25:07