Ernstfall in “Anycountry”

Gepostet am 19.05.2017 um 02:50 Uhr

In “Anycountry” breitet sich ein unbekanntes Virus aus, weltweit arbeiten Regierungen daran, es einzudämmen: Dieses Szenario spielen die G20-Gesundheitsminister bei ihrem Treffen in Berlin durch. Warum die Koordination im Ernstfall an ihre Grenzen stoßen würde, erklärt Tamara Anthony.

In “Anycountry” breitet sich ein unbekanntes Virus aus, weltweit arbeiten Regierungen daran, es einzudämmen: Dieses Szenario spielen die G20-Gesundheitsminister bei ihrem Treffen in Berlin durch. Die Koordination würde im Ernstfall allerdings an ihre Grenzen stoßen.

Von Tamara Anthony, ARD-Hauptstadtstudio

Die Weltgesundheitsorganisation war sofort in Alarmbereitschaft, als vor einer Woche im Kongo Ebola-Todesfälle gemeldet wurden. Etwa 20 Menschen gelten bislang als infiziert, drei sind gestorben. Doch Panik wollen die obersten Gesundheitsbehörden nicht verbreiten. “400 Menschen, die mit Kranken Kontakt hatten, sind noch unter Beobachtung”, berichtete ein WHO-Sprecher.

Doch der Ausbruch sei in einer abgelegenen Region, die Leute dort nicht sehr mobil – die Gefahr einer schnellen Verbreitung daher sehr gering, heißt es bei der obersten Seuchenüberwachungs-Einrichtung in Deutschland, dem Robert-Koch-Institut. Alle Behörden wollen deutlich machen: Es ist alles ganz anders als 2014/2015, als in Westafrika Menschen vor den Krankenhäusern elendig verstarben, insgesamt etwa 11.000 Westafrikaner der Pandemie zum Opfer fielen.

Und nicht nur der Ausbruch jetzt im Kongo ist anders, auch die internationale Zusammenarbeit hat sich verbessert, so das Credo. Deutschland spielt dabei eine führende Rolle. Bundeskanzlerin Angela Merkel setzte erstmalig die internationale Gesundheit auf die Agenda hochrangiger Treffen: erst bei G7, jetzt auch bei G20. Heute kommen die Gesundheitsminister der G20-Staaten in Berlin zusammen. Neben dem Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen soll auch an der besseren Reaktionsfähigkeit der internationalen Gemeinschaft bei Seuchenausbrüchen gearbeitet werden.

Eingeschlossen, um zu simulieren

An zwei Tagen werden die Minister eine Simulationsübung machen – eingeschlossen in einem Krisenraum werden sie über den Ausbruch einer Krankheit in “Anycountry” informiert, bekommen Nachrichten vorgespielt über die Ausbreitung der Infektion und müssen koordinieren, welches Land und welche internationale Organisation welche Aufgaben übernimmt.

Doch nach Auffassung vieler Hilfsorganisationen würden die Minister in der Realität schnell feststellen, dass es vor allem am Geld mangelt. Bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf wurde als Reaktion auf den Ebola-Ausbruch 2014/2015 zwar ein Krisenfonds eingerichtet. “Die von den UN eingesetzte Expertengruppe hatte empfohlen, 300 Millionen Euro dort bereit zu stellen”, erzählt Mareike Haase von “Brot für die Welt”. Die Weltgemeinschaft einigte sich aber auf nur 100 Millionen Euro. Allerdings ist auch nach zwei Jahren nicht einmal die Hälfte zusammengekommen. Deutschland hat mit 13 Millionen Euro die größten Geldzusagen gemacht.

“Die WHO steckt in der Krise”

“Die WHO steckt in der Krise, weil sie durch ihre Mitgliedsstaaten nicht ausreichend finanziert wird”, ist ein Fazit einer Studie von “Brot für die Welt” über die WHO. Denn neben dem nicht gefüllten Krisenfonds fehlt es der WHO auch an Geld für das Kerngeschäft. Immer mehr Gelder – inzwischen 80 Prozent des Gesamtbudgets – sind von den Geldgebern für ganz bestimmte Projekte vorgesehen. “Problematisch daran ist, dass die WHO diese Gelder nicht frei nach ihrer Priorität und ihrem Bedarf einsetzen kann”, so Mareike Haase.

Deutschland habe sich für eine Erhöhung des Budgets für die Kernaufgaben um 10 Prozent eingesetzt. “Nun sieht es so aus, als würden sich in der nächsten Woche die Geberländer auf eine Erhöhung um drei Prozent einigen”, so Haase.

Auch “Ärzte ohne Grenzen” rufen die G20-Staaten zu einer Stärkung der WHO auf. “Die G20 sollten sicherstellen, dass die Weltgesundheitsorganisation die Verantwortung und nötige politische Unterstützung bekommt”, schreibt die Vorsitzende der Organisation, Joanne Liu, in einem offenen Brief an die Minister. “Ärzte ohne Grenzen” war beim Ebola-Ausbruch in 2014/2015 am schnellsten vor Ort. Bei einem nächsten Ausbruch hoffen sie auf mehr Koordination durch die internationale Gemeinschaft.

Zuletzt aktualisiert: 28.05.2017, 22:31:17