Grüne 4.0 – ein riskantes Experiment

Gepostet am 03.05.2018 um 16:54 Uhr

Den Grünen haftet immer noch ein bisschen unverbesserliches Revoluzzertum an. Dabei läuft der politische Alltag längst in geregelten Bahnen. Und jetzt droht auch noch die Midlife-Crisis. Die Grünen werden 40.

Als Frischzellenkur hatte sich die Partei die Regierungsbeteiligung in Berlin, das Jamaika-Projekt verordnet. Doch daraus wurde nichts. Es bleibt erst einmal alles wie es war – man sitzt weiter ungewollt auf den harten Bänken der Opposition im Bundestag. Noch dazu als kleinste Fraktion. Will eine Partei dieser Lage etwas Positives abgewinnen, will sie sich vielleicht nicht neu, aber doch ganz anders erfinden, dann muss sie sich sehr ins Zeug legen.

Und das tut sie derzeit, mit frischen Gesichtern und mit einem neuen Grundsatzprogramm: Kritisch wird es, wenn sich die Grünen aus ihren Ritualen der Selbstbestätigung herauswagen. Und das ist offiziell der Plan: neue Fragen zu stellen – und neue, will sagen, noch offene, Antworten finden. Auf neue und komplexe Herausforderungen wie Digitalisierung, eine ungebremste Klimakrise, Rechtspopulismus. Oder auch Gen-Technik: Ist sie grundsätzlich böse oder muss man bestimmte Methoden sogar gutheißen, wenn sie den Hunger in der Welt besiegen helfen? Oder: Wie überwindet man die Spaltung der Gesellschaft? Wenn die Grünen für Vielfalt kämpfen und Menschen nicht erreichen, die gerade davor Angst haben?

Frische Parteispitze neben grünem Stammpersonal

Im politischen Alltagsgeschäft der kleinsten Oppositionsfraktion tat man sich bislang schwer, den Schwung aus dem Rest der Partei mitzunehmen. Zumal Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter neben der frisch gewählten Parteispitze wie grünes Stammpersonal mit ordentlich Patina wirkten und Mühe hatten, die grünen Bundestagsabgeordneten wieder hinter sich zu bringen.

Mit Weimar soll das nun anders werden. Die offene Debatte auch Einzug halten in grüne Realpolitik. In sechs thematisch gesetzten so genannten „Zukunftslaboren“ sollen die Abgeordneten eigene Überzeugungen abwägen, in Frage stellen, am besten neu denken. Das ist ein mutiges Konzept ebenso wie ein riskantes Unterfangen. Noch kann die grüne Führungsetage vom Elan des Neustarts zehren, noch halten die Flügel in der Partei still. Noch stehen Bewährungsproben aus – wie die Landtagswahl in Bayern im kommenden Herbst. Aber schon dann stellt sich die Frage, ob auch Wähler, zumal neue Wähler, so überzeugt werden können. Denn die wollen ein klares Profil, nicht erst morgen, sondern heute! Die Grünen haben sich sehr ernsthaft auf den Weg gemacht. Aber am Ende könnten sie zu langsam sein, um anzukommen.

Zuletzt aktualisiert: 25.09.2020, 02:59:40