Ein Vorschuss für die Zukunft

Gepostet am 07.06.2019 um 16:19 Uhr

Der Erfolg der Grünen zeigt: Union und SPD haben ihre Vormachtstellung verloren. Jetzt muss die Partei aber beweisen, dass sie nicht nur von der Schwäche der Großen Koalition profitiert, meint Christoph Prössl.

Der Erfolg der Grünen zeigt: Union und SPD haben ihre Vormachtstellung verloren. Jetzt muss die Partei aber beweisen, dass sie nicht nur von der Schwäche der Großen Koalition profitiert.

Ein Kommentar von Christoph Prössl, ARD-Hauptstadtstudio

Der Erfolg der Grünen spiegelt einen Umbruch in der Parteienlandschaft und auch eine gesellschaftliche Umwälzung. Die Grünen sind im ARD-DeutschlandTrend stärkste Kraft vor der Union. Die erreichten 26 Prozent bei der Sonntagsfrage beziffern eine Entwicklung, die schon vor längerer Zeit einsetzte.

Wie immer bei Umfragen darf man nicht vergessen, dass Umfragen eben nur ein Gradmesser der politischen Stimmung sind. Trotzdem: Das Ergebnis zur Europawahl hat verdeutlicht, dass es vielen Wählerinnen und Wählern ernst ist: Union und SPD sind nicht gesetzt die größten Fraktionen.

Der Erfolg hat viele Ursachen. Der Klimawandel ist für viele Bürgerinnen und Bürger das wichtigste Thema bei der Europawahl gewesen. Die Grünen konnten viele Menschen überzeugen, dass sie die besten Antworten auf die Herausforderung haben. Union und SPD haben hingegen in den vergangenen Jahren ihre Glaubwürdigkeit verloren im Streit über Klimaziele, die mangelhafte Aufarbeitung des Diesel-Skandals und eine Energiepolitik, die von Zögerlichkeit und Einfallslosigkeit geprägt war.

Grüne stehen für neuen Politikstil

Der Erfolg der Grünen basiert also auch auf der Schwäche von Union und SPD. Aber eben nicht allein. Und vor allem: AfD, FDP und Linke konnten davon nur bedingt oder eben gar nicht profitieren. In Landesregierungen haben die Grünen Pragmatismus bewiesen und die Fähigkeit, Politik zu vermitteln.

Robert Habeck stand als Umweltminister von Schleswig-Holstein bei den Landwirten auf dem Hof, deren Schafe gerade vom Wolf gerissen worden waren. Er moderierte einen Dialog, um Halden für den Betonschrott aus stillgelegten Atomkraftwerken in Gemeinden zu ermöglichen. Politik ist anstrengend, niemals beliebig und erfordert Mut, Dialogbereitschaft und inhaltliche Auseinandersetzung.

Die Grünen und ihre Parteivorsitzenden stehen auch für einen neuen Politikstil: mehr Argumente, weniger Hülsen, mehr Sachlichkeit, keine Hassrede. Sie vermitteln ein positives Bild: Politik kann Probleme lösen. Das spricht gerade junge Wähler an. Andersherum formuliert: Union und SPD verlieren junge Menschen – und jung ist hier relativ. Es geht um Personen unter 50.

Grüne müssen Versprechen einlösen

Der Erfolg der Grünen ist also auch ein Auflehnen der Jungen – für Klimapolitik, gegen Populismus, gegen den Stillstand der Großen Koalition und für eine Politik, die glaubhaft Lösungen anbietet. Die grüne Partei ist ohnehin eine junge Partei. Der Blick in den Bundestag macht es deutlich: Bei den Grünen ist der Anteil jüngerer Abgeordneter erfreulich hoch, Netzthemen spielen eine wichtige Rolle. Ein YouTuber würde mit seinem Video „die Zerstörung der Grünen“ wahrscheinlich einen gelasseneren Umgang erfahren und keine Selbstzerstörung auslösen.

Der Erfolg ist ein Vorschuss für die Zukunft. Das gilt auch für die grüne Partei. Die Grünen müssen ein Versprechen einlösen. Inhaltlich, aber auch formal: Einigkeit beweisen, keine Flügelkämpfe. Sich selbst treu bleiben und Kompromissbereitschaft leben. Wer hoch fliegt, kann tief fallen.

Kommentar: Höhenflug der Grünen
C. Prössl, ARD Berlin
16:02:00 Uhr, 07.06.2019

Über dieses Thema berichtet NDR Info am 07. Juni 2019 um 17:08 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 15.09.2019, 20:05:44