Ein Realo auf dem Weg zu Schwarz-Grün?

Gepostet am 18.01.2017 um 15:15 Uhr

Mit 75 Stimmen Vorsprung hat Özdemir die Grünen-Urwahl vor Schleswig-Holsteins Umweltminister Habeck gewonnen. Damit führt Özdemir die Partei neben Fraktionschefin Göring-Eckardt in den Bundestagswahlkampf. Janina Lückoff zeigt auf, wofür er steht.

Mit 75 Stimmen Vorsprung hat Özdemir die Grünen-Urwahl vor Schleswig-Holsteins Umweltminister Habeck gewonnen. Damit führt Özdemir die Partei neben Fraktionschefin Göring-Eckardt in den Bundestagswahlkampf. Janina Lückoff portraitiert den Parteichef.

Von Janina Lückoff, ARD-Hauptstadtstudio

“Auf Cem Özdemir entfielen 12.204 Stimmen – das sind 35,96 Prozent”, verkündet Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner das Ergebnis. Das sind genug Stimmen für Özdemir, um nach vier Monaten des parteiinternen Wahlkampfes die Grünen-Urwahl für sich zu entscheiden.

Kellner ist denn auch voll des Lobes: Özdemir sei der Kandidat, der mit seiner Biografie und mit seinem Profil wie kein anderer in diese Zeit passe: “Ein Schwabe mit türkischen Wurzeln, in Kreuzberg lebend. Sein Lebensweg steht damit modellhaft und vorbildhaft für das moderne Deutschland.”

Tatsächlich wurden Özdemir – wie er selbst sagt – die politischen Themen quasi in die Wiege gelegt: “Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, ich komme aus einer Migrantenfamilie, das heißt: Die Themen Gerechtigkeit und Integration – mit denen beschäftige ich mich quasi seit meiner Geburt oder seit meinen Kindheitstagen.”

Zusammen mit dem Bereich Umwelt- und Klimapolitik sieht Özdemir diese Bereiche als die großen Themen des Bundestagswahlkampfes an. Von allen drei Themen verstehe er etwas, meint Özdemir.

“Anatolischer Schwabe”

Özdemir wurde 1965 in Bad Urach im Landkreis Reutlingen in Baden-Württemberg geboren. Seine Eltern waren wenige Jahre zuvor als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland gekommen und hatten sich hier kennengelernt. Selbst bezeichnet sich Özdemir gern als “anatolischer Schwabe”. Mit 16 trat er den Grünen bei, 13 Jahre später, war er ab 1994 der erste Bundestagsabgeordnete mit türkischen Wurzeln. Zehn Jahre später saß er im Europa-Parlament. Seit 2013 ist er wieder Mitglied des Bundestags und seit 2008 Vorsitzender seiner Partei.

Dieser Werdegang war nicht selbstverständlich, wie er selbst auf seiner Homepage erzählt: “Schon in der ersten Klasse sollte ich sitzenbleiben. Meine Lehrerin meinte damals zu meiner Mutter: ‘Den Cem werden Sie wahrscheinlich zurückschicken.’ Zurück? Wohin zurück? In den Kreißsaal?“ Er machte dann doch Mittlere Reife, eine Ausbildung zum Erzieher und studierte nach der Fachhochschulreife Sozialpädagogik.

Klare Haltung gegenüber der Türkei

Heute hat er sich die “ökologische Modernisierung” auf die Fahnen geschrieben: die Themen Wirtschaft und Umwelt. Das sei für die Grünen kein Gegensatz mehr, betont er immer wieder. Zu Wort meldet er sich aber auch zur aktuellen Türkei-Politik. Seit Özdemir die Armenien-Resolution im Bundestag angestoßen hat, in der erstmals der Völkermord beim Namen genannt wird, gibt es immer wieder Drohungen gegen ihn: Seit Monaten bekommt er Personenschutz.

Deutliche Worte gegen den türkischen Präsidenten Erdogan fand er auch nach dem Putschversuch in der Türkei: “Der abgewendete Militärputsch in der Türkei war Gott sei Dank erfolgreich”, so Özdemir. Doch nun folge ein ziviler Militärputsch. “Und wer sich gegen den einen Putsch wendet, der darf zum anderen nicht schweigen. Das, was da jetzt in der Türkei passiert, hat mit Demokratie herzlich wenig zu tun.”

Realo für Schwarz-Grün?

Özdemir, “säkularer Muslim”, wie er selbst sagt, vertritt bei den Grünen den Realo-Flügel: Dass er nun mit Fraktionschefin Katrin Göring-Eckhardt, ebenfalls eine Realo-Vertreterin, das Spitzenduo bildet, dürfte nicht allen gefallen bei den Grünen. Özdemir selbst aber hält von dem ganzen Flügeldenken nicht viel: “Ich glaube, draußen interessiert sich kein Schwein dafür, wer welchem Flügel angehört.”

Um deutliche Worte ist Özdemir also nicht verlegen, und er ist auch nicht gefeit vor manchem Fehltritt. 2002 legte er sein Amt als innenpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion nieder, nachdem unter anderem öffentlich geworden war, dass er dienstlich angesammelte Bonusmeilen für Privatreisen genutzt hat. Und 2014 veröffentlichte er im Rahmen der sogenannten “Ice Bucket Challenge” ein Video, auf dem neben ihm eine Hanfpflanze zu sehen ist.

Mit seiner Kandidatur für die Grünen-Urwahl hatte Özdemir lange gezögert. “Und damit stellt sich zu Recht auch die Frage: Was hat der Ötzlprötzl vor”, fasste er vor vier Monaten selbst die Situation zusammen. Nun steht fest, was er vorhat: Er will die Grünen in die nächste Regierung führen – und die kann seiner Ansicht nach auch Schwarz-Grün sein. Den Job als Außenminister würde er sicher nicht ablehnen.

Göring-Eckardt und Özdemir führen Grüne in den Bundestagswahlkampf
J. Lückoff, ARD Berlin
11:33:00 Uhr, 18.01.2017

Zuletzt aktualisiert: 21.08.2017, 10:30:51