Apothekerlobby applaudiert – SPD ist skeptisch

Gepostet am 28.10.2016 um 16:23 Uhr

Seine schützende Hand hält Gesundheitsminister Gröhe über die Apotheken. Das geplante Versandverbot rezeptpflichtiger Medikamente dürften Lobbyvertreter bejubeln. Doch in der Koalition muss Gröhe noch Überzeugungsarbeit leisten. Von Martin Mair.

Seine schützende Hand hält Gesundheitsminister Gröhe über die Apotheken. Das geplante Versandverbot rezeptpflichtiger Medikamente dürften Lobbyvertreter bejubeln. Doch in der Koalition muss Gröhe noch Überzeugungsarbeit leisten.

Von Martin Mair, ARD-Hauptstadtstudio

Ob starke Schmerzmittel, Antibiotika oder Krebsmedikamente – der Preis dafür ist in Deutschland überall gleich. Denn für rezeptpflichtige Pillen gilt in Apotheken ein Festpreis. Und an den sind auch Versandhändler gebunden. Es geht dabei um eine Menge Geld: Im vergangenen Jahr setzten die deutschen Apotheken fast 40 Milliarden Euro mit rezeptpflichtigen Pillen um.

Nun hat der europäische Gerichtshof diese Regel gekippt. Große Anbieter locken bereits mit Rabatten. Doch damit könnte bald schon wieder Schluss sein, denn das Gesundheitsministerium will den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Medikamenten ganz verbieten.

Schwerkranke nicht zusätzlich belasten

Die Apotheke um die Ecke – Hermann Gröhe hält schützend seine Hand über sie. Schon oft hat der Gesundheitsminister das dichte Netz von Verkaufsstellen gelobt, zuletzt gab’s dafür tosenden Applaus beim deutschen Apothekertag. Und die Lobbyvertreter dürften jetzt wieder klatschen, wenn sie hören, was Gröhes Sprecherin Jasmin Maschke verspricht. “Der Versandhandel kann die wohnortnahe Versorgung und Beratung nicht ersetzen. Nach genauer Prüfung wurde die Entscheidung getroffen, eine entsprechende Regelung über ein Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Medikamenten im Gesundheitsministerium zu erarbeiten.”

Im Klartext: Pillen auf Rezept per Klick will der CDU-Minister verbieten. Er begründet das mit dem Schutz der Patienten: Schwerkranke sollten nicht auch noch dazu gezwungen werden, Preise zu vergleichen.

Kein “normales Konsumgut”

So argumentiert auch der Bundesverband deutscher Apothekerverbände. Präsident Friedemann Schmidt warnte mit Verve vor dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), der die Festpreise für rechtswidrig erklärt hat. “Wenn man das Urteil liest, dann klingt das wie ein schlechter Scherz, weil der EuGH sich offenbar überhaupt nicht mit der Arzneimittelversorgung als essentiellen Teil des deutschen Gesundheitswesens auseinander gesetzt hat, sondern Regeln angewandt hat, die man vielleicht für den Versandhandel mit normalen Konsumgütern wie Schuhe anwenden könnte.” Doch Pillen gehörten immer in die Hand des Fachmanns.

Medikamente im Ausland teurer

Tatsächlich ist das mitnichten in ganz Europa so. In vielen Ländern gibt es Kopfschmerztabletten in jedem Supermarkt, Rezepte können in der Drogerie eingelöst werden. Die Folge: Medikamente sind im Ausland deutlich billiger. Die Kehrseite: Es gibt oft deutlich weniger Apotheken. Denn für die deutschen Pharmazeuten sind die Festpreise eine wichtige Einnahmequelle, die häufig das Überleben sichern. Die Verbotspläne des Gesundheitsministers für den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Pillen kommen bei den Apothekerverbänden deshalb gut an.

Doch in der großen Koalition wird Gröhe noch Überzeugungsarbeit leisen müssen. Denn die SPD ist skeptisch, erklärte deren Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. “Ein komplettes Verbot des Versandhandels scheint mir mit dem Urteil gar nicht in Einklang zu bringen zu sein und wäre auch eine unverhältnismäßige Maßnahme”, so Lauterbach.

Online-Apotheken wollen klagen

Diese Maßnahme enthält auch rechtliche Tücken, schließlich beschränkt sie den Wettbewerb innerhalb der Europäischen Union. Und die gesetzlichen Krankenkassen sind der Ansicht, dass Online-Apotheken die Versorgung mit preiswerten Medikamenten eher verbessern. Ein Totalverbot sei nicht zeitgemäß.

Wann und ob das tatsächlich kommt, ist offen. Neben politischen Widerständen muss der Gesundheitsminister auch neue Klagen fürchten: Der Platzhirsch der Online-Apotheken, DocMorris, kündigte bereits an, ein mögliches Verbot wieder vor Gericht zu bringen. Auch deshalb ist Gröhes Sprecherin vorsichtig, einen Zeitplan jedenfalls will sie nicht nennen.

Gröhe will Versandhandel mit rezeptpflichtigen Medikamenten verbieten
M. Mair, ARD Berlin
14:03:00 Uhr, 28.10.2016

Zuletzt aktualisiert: 21.10.2018, 20:40:23