Ungeheuerlich und nicht akzeptabel

Gepostet am 05.06.2018 um 16:43 Uhr

An die Tabubrüche des US-Präsidenten habe man sich gewöhnen müssen, meint Daniel Prokraka. Dass ein Botschafter in Berlin in kurzer Zeit gleich zweimal seine Grenzen überschreitet – das müsse niemand hinnehmen.

An die Tabubrüche des US-Präsidenten habe man sich gewöhnen müssen, meint Daniel Prokraka. Dass ein Botschafter in Berlin in kurzer Zeit gleich zweimal seine Grenzen überschreitet – das müsse niemand hinnehmen.

Ein Kommentar von Daniel Pokraka, BR

Es ist gut, dass die Kritik an Richard Grenell jetzt deutlicher wird. Denn was sich dieser Mann leistet, ist ungeheuerlich. An ständige Tabubrüche des US-Präsidenten hat man sich ja leider gewöhnen müssen, und deren Folgen werden uns jahrelang beschäftigen. Aber dass ein Botschafter in Berlin in nur wenigen Wochen Amtszeit gleich zweimal seine Grenzen überschreitet – das muss niemand hinnehmen.

Es handelt sich ja nicht um einen Ausrutscher. Grenell war gerade aus dem Flugzeug gestiegen, da verlangte er von der deutschen Wirtschaft, ihre Iran-Geschäfte herunterzufahren. Größere Reaktionen, zumindest öffentlich, blieben aus – ein Fehler. Ganz im Gegenteil: Ein Minister der Bundesregierung war sich nicht zu schade, seine Freundschaft zu Grenell in den sozialen Netzwerken öffentlich zu zelebrieren: Jens Spahn, lächelnd auf einem Foto mit seinem Kumpel Grenell, Spahns Mann und Grenells Partner mit Hund.

Lächerliche Politisierung

Das geschah während Spahns Minister-Kollegen Peter Altmaier und Heiko Maas damit beschäftigt waren, sich Lösungen für das Iran-Abkommen und die Investitionen deutscher Unternehmen auszudenken. Diese lächerliche Politisierung einer Freundschaft hat als allererstes aufzuhören – wenn Spahn als Regierungsmitglied noch von irgendwem ernst genommen werden will. Und dann ist das Auswärtige Amt dran. Es ist schon putzig, wenn man zu Grenells Äußerungen eine Klarstellung verlangt. Man kann dem Botschafter ja vieles vorwerfen – aber nicht, dass er sich nicht klar ausgedrückt hätte. Und so steht zu hoffen, dass Grenell bei seinem Besuch im Auswärtigen Amt genau zu hören bekommt, was die Aufgabe eines Botschafters ist – und vor allem: was nicht.

Grenell wird weiter provozieren

Grenell wird das vermutlich egal sein. Er wird weiter provozieren. Genau dafür schickte ihn Präsident Donald Trump ja offenbar nach Deutschland. Nun wird die Bundesregierung zu Recht nicht an einer Eskalation interessiert sein. Grenell auszuweisen, kann Sahra Wagenknecht fordern; jemand mit einem Funken Weitblick wird das lassen. Aber schon mal einen Termin vormerken, um den Botschafter förmlich einzubestellen, sollte sich das Auswärtige Amt durchaus. Grenells nächstes Interview kommt bestimmt – und ziemlich sicher gilt für ihn genau wie für seinen Präsidenten Trump: Respekt hat er nur vor denen, die Klartext mit ihm reden.

Zuletzt aktualisiert: 25.09.2018, 22:50:06