Immer Ärger mit der “Gorch Fock”

Gepostet am 27.06.2018 um 01:59 Uhr

Erst zehn Millionen Euro, jetzt 135 Millionen: Die Kosten für die Instandsetzung des Segelschulschiffes “Gorch Fock” steigen massiv, der Rechnungshof prüft. Warum wurden Leistungen nicht ausgeschrieben? Von C. Prössl und C. Wolf.

Erst zehn Millionen Euro, jetzt 135 Millionen: Die Kosten für die Instandsetzung des Segelschulschiffes “Gorch Fock” steigen massiv, der Rechnungshof prüft. Warum wurden Leistungen nicht ausgeschrieben?

Von Christoph Prössl, ARD-Hauptstadtstudio, und Christian Wolf, Kiel

Die “Gorch Fock” liegt seit Anfang 2016 im Dock der Elsflether Werft. Fotos, die die Bundeswehr veröffentlicht hat, lassen erahnen, wie stark die Schäden an dem Schiff sind: Der Rumpf ist angerostet, die Masten mussten entfernt werden. Der Stolz der Marine: ein Wrack.

Mitte 2019 soll die “Gorch Fock” wieder in See stechen. Die Kosten dafür: rund 135 Millionen Euro, wie das Ministerium im März bekannt gab. Weil ursprünglich von einem weit niedrigeren Betrag ausgegangen worden war, interessiert sich auch der Bundesrechnungshof für die “Gorch Fock”. In den vergangenen Wochen nahmen Sachverständige den Dreimaster in Augenschein.

Leistungen nicht ausgeschrieben

Viele Fragen sind offen. Aus der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag, die dem ARD-Hauptstadtstudio und NDR 1 Welle Nord exklusiv vorliegt, geht hervor, dass es für die laufenden Reparaturarbeiten nur eine Ausschreibung ganz zu Beginn der Arbeiten gegeben hat.

Damals – Anfang 2016 – lagen die Schätzungen für die Reparaturen bei gerade einmal 10 Millionen Euro. In der Werft wurde dann deutlich: Die Schäden sind so groß, dass die Kosten weit höher ausfallen werden. Zunächst rechnete die Marine mit 75 Millionen Euro – jetzt mit 135 Millionen. Für diese Arbeiten wurde erneut die Elsflether Werft beauftragt, die auch die Ausschreibung über die Reparaturarbeiten gewonnen hatte.

Gorch Fock 2

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Rechtlich einwandfrei?

Rainer Kersten, Geschäftsführer des Steuerzahlerbundes Schleswig-Holstein, sieht in dieser Vorgehensweise System: “Zunächst wird ein kleiner, sehr überschaubarer Reparaturauftrag ausgeschrieben. Es gewinnt immer die gleiche Werft mit einem sehr günstigen Angebot. Diese Werft dockt das Schiff ein, macht es nicht mehr schwimmfähig beziehungsweise nicht mehr transportfähig und stellt dann plötzlich fest, dass der Auftrag viel größer sein muss, dass viel mehr Schäden da sind als gedacht.”

Im Verteidigungsministerium heißt es, dieses Vorgehen sei “vergaberechtskonform” – soll heißen: rechtlich einwandfrei.

Auch der Haushaltspolitiker und verteidigungspolitische Sprecher der Grünen, Tobias Lindner, kritisiert das Ministerium. Viele Werften, die Segelschulschiffe sanieren, gebe es nicht, aber: “Trotzdem muss ich die Frage stellen, warum ist da so wenig ausgeschrieben worden bei der ‘Gorch Fock’?”

Schnell wieder ein Ausbildungsschiff

Immerhin: Bevor im Ministerium die Entscheidung getroffen wurde, die “Gorch Fock” wieder instandzusetzen, hat man dort mehrere Optionen durchgerechnet: Ankauf eines vorhandenen Großseglers, Neubau, Nutzung gemeinsam mit einer anderen – europäischen – Marine. Aus der Antwort der Bundesregierung auf die kleine Anfrage der Grünen-Fraktion geht hervor: Im Ministerium wollte man vor allem sicherstellen, dass die Marine schnell wieder ein Ausbildungsschiff zur Verfügung hat.

Aber zu welchem Preis – und hätte es nicht Alternativen gegeben? Linder hat lange Zeit einen Neubau gefordert. Jetzt sei es fast schon zu spät, sagt der Grünen-Politiker.

“Völlig überdimensioniert”

In der Antwort aus dem Ministerium heißt es, ein Neubau würde bis zu 170 Millionen Euro kosten. Das habe die Studie eines unabhängigen Beratungsunternehmens ergeben. “Völlig überdimensioniert”, sagt der Steuerzahlerbund. Auf die Frage, ob der Bundeswehr Kenntnisse über die Kosten von Segelschulschiffen befreundeter Marinen vorlägen, heißt es in der Antwort der Bundesregierung, die Bundeswehr verfüge über keine spezifischen Erkenntnisse.

Das rumänische Segelschulschiff beispielsweise soll deutlich günstiger gewesen sein. “Ich gewinne bei der ‘Gorch Fock’ immer mehr den Eindruck, dass es hier um Denkmalschutzprogramme geht und nicht um die Marineausbildung der Soldatinnen und Soldaten”, so Lindner.

Immer Ärger mit der Gorch Fock
Christoph Prössl, ARD Berlin
19:38:00 Uhr, 26.06.2018

Zuletzt aktualisiert: 21.09.2018, 00:10:39