“Putin hat kein Interesse, Deutschland zu diskreditieren”

Gepostet am 13.09.2018 um 11:12 Uhr

Wer steckt hinter dem Attentat auf Skripal? Hat der Kreml den Auftrag gegeben? Und wie soll Deutschland mit Russland umgehen, gerade wenn es um Angriffe im Netz geht? Der russische Bestsellerautor Dmitry Glukhovsky im Interview mit Michael Stempfle.

Michael Stempfle: Ganz aktuell sprechen viele darüber, dass es zwei Tatverdächtige gibt, die für das Attentat auf Skripal zuständig sein sollen. Glauben Sie, dass die Briten recht haben, dass die beiden Tatverdächtigen für das Attentat verantwortlich sind? Russland sagt ja, das ist nicht richtig. Natürlich wird Russland das immer sagen, ne?

Dmitry Glukhovsky: Man muss eigentlich, dass russische Fernsehen schauen, um besser zu verstehen, was eigentlich passiert. Dass russische Fernsehen sagt: Das waren nicht wir. Aber alle Verräter müssen jetzt sehr klar verstehen, dass es auch ihnen passieren kann. Diese Doppelzüngigkeit erklärt eigentlich ziemlich viel, von dem, was in Wahrheit passiert.

Was ist denn der Grund dafür, dass irgendjemand in Russland Skripal umbringen wollte?

Was ich glaube ist, da gibt es verschiedene Themen in Putins Politik. Eines ist ein bisschen vielleicht das, was er von Medwedew gekriegt hat, also diese Öffnung, die Globalisierung, die Agenda der Vergangenheit. Putin hat jetzt eine genau gegensätzliche Politik von Isolation und von weiterer Konfrontation.

Es musste der Eindruck erweckt werden, dass Russland von Feinden umgeben ist?

Ja, Russland hat diesen ewigen Krieg, diesen ewigen Widerstand. Deswegen weil wir so im ewigen Krieg, im ewigen Kampf sind, können wir nicht über eine weitere Demokratisierung sprechen, jede Opposition wird als Verräter dargestellt. Also das ist sehr bequem und sehr praktisch, sich in einem ewigen Kampf zu befinden.

Das heißt, Sie könnten sich auch vorstellen, dass der Kreml selbst dahinter steckt? Und es nicht irgendwelche Oligarchen sind? Und Putin nicht sagt, ich weiß gar nicht, was die gemacht haben?

Ich glaube nicht, dass eine solche Lage in Russland möglich wäre, dass irgendwelche Oligarchen – wir sprechen eigentlich nur von einem Oligarchen – dass er unabhängig von Putin und von einer politischen Macht eine Sabotage-Aktion im Westen machen könnte. Nö, nach meiner Meinung ist das unwahrscheinlich.

Es ist es unwahrscheinlich, das heißt, Putin hat zumindest davon gewusst?

Ob Putin was signiert hat, einen ‘order for action’, das glaub ich nicht. Es wäre logisch, dass so eine große Aktion, wie eine Vergiftung mit gegenwärtigen und zeitgenössische Giftmittel wie im Fall Skripal, wurde zumindest von GRU, also vom russischen Geheimdienst, geprüft und gestempelt und mit Putins Sicherheitsrat, also da drin, konsultiert.

Meinen Sie, dass Sie, dass der russische Präsident Putin sich gedacht hat, war vielleicht doch nicht so eine gute Idee, wenn jetzt Trump gewählt wird?

Die Idee war, die amerikanischen Wahlen als eine Institution zu diskreditieren und zu zeigen, dass es auch in den USA keine richtige und wirkliche Demokratie gibt. Die russischen Medien waren sehr, sehr aktiv, weil sie Trump als unseren Kandidaten präsentiert haben. Und natürlich die russische Sympathie war auf der Seite von Trump. Aber die Idee war, dass Trump die Wahl verlieren musste und dann hätten wir sagen können, dass es ein Komplott in der amerikanischen Elite gibt gegen Trump und gegen das amerikanische Volk. Und das wäre sehr in der Tradition der kommunistischen Propaganda.

Es gab ja Versuche in Frankreich und in anderen Ländern auch. Bei uns war man fast ein bisschen überrascht, dass Bundestags-Daten, die ja offenbar geklaut wurden, nicht geleakt wurden vor der Bundestagswahl. Was ist der Grund dafür, dass man sich in Deutschland nicht so stark eingemischt hat?

Also, mit den USA gibt es natürlich einen Wettbewerb. Die USA sind das gegenwärtige Imperium. Wir sind so ein Imperium der Vergangenheit. Wir glauben, dass wir immer noch in diesem Wettbewerb sind. Außerdem mischen sich die USA sehr gerne in politische Prozesse in anderen Ländern ein. Deutschland macht das nicht so gern und so offen und fordert Putin nicht wirklich heraus. Deswegen hat Putin also kein Interesse, deutsche Politiker und das deutsche politische System zu diskreditieren.

Die Tatsache, dass es Trump gibt, könnte das für Deutschland ein Vorteil sein, weil es möglicherweise Putin wieder näher an Europa und auch näher an Deutschland heranbringt?

Ich glaube, das Hauptziel Putins ist, alle westlichen Versuche, sich in die russischen politischen Prozesse einzumischen, zu vermeiden.

Die Frage ist jetzt, wie geht man richtig mit Russland um? Würden Sie sagen, dass die aktuelle Situation dazu beiträgt, dass es weniger hybride Angriffe gibt? Also wir haben den Fall Lisa gehabt, und andere Fälle, wo wir den Eindruck hatten – auch ein Angriff auf das Netz des Bundestages – hier greift uns Russland auf hybride Art und Weise an. Glauben Sie, dass das in der aktuellen Lage runtergefahren werden kann, weil wir grad nicht das Hauptproblem sind von Russland und er andere Sorgen hat?

Also ich glaube nicht, dass Russland ein langfristiges Interesse daran hat, Europa zu destabilisieren, dass Europa nur dann gefährlich ist, wenn Europa vereint gegen Russland – etwa mit den Sanktionen – geht. Dann muss Putin ein bisschen Chaos säen in Europa. Also in Deutschland mit den radikalen Nationalisten zum Beispiel oder auch in Frankreich, in USA mit dem Trump-Skandal und so weiter. Einfach die Aufmerksamkeit der westlichen Politiker von Russland ablenken. Wir werden für sie Heimatprobleme erschaffen, damit sie irgendwie beschäftigt sein müssen.

Wenn ich mir überlege, wie es den Feinden des russischen Systems gehen kann, ich sag mal Fall Skripal oder auch Journalisten, die kritisch recherchieren, Politkowskaja ist vielleicht das bekannteste Beispiel bei uns, dann sprechen Sie aber trotzdem sehr offen Dinge an. Und Sie leben ja auch zumindest teilweise in Moskau. Haben Sie nicht auch ein bisschen Angst, dass es Ihnen an den Kragen gehen kann, wenn Sie so offen über alles sprechen?

Ich persönlich habe noch nie direkte Bedrohung bekommen. Deswegen glaube ich, dass wahrscheinlich frei sprechen kann ich, das soll ich auch. In vielen Fällen geht es nicht um Zensur, sondern um so eine Art Auto-Zensur. Die Leute sollen sich selbst zensieren. Die Journalisten, die Blogger, die einfachen Leute auf der Straße.

Aber bei Ihnen funktioniert es ja nicht. Sie sprechen ja ganz offen.

Ja, ich sehe eigentlich einfach keinen Grund dafür, mich selbst zu zensieren, bevor ich bedroht werde. Wenn die Bedrohung kommt, dann werden wir sehen, was dann passiert.

Dann vielen Dank, dass Sie bei uns waren, dass wir so offen über alles sprechen durften. Danke! Und ich freu mich auf das nächste Mal.

Dmitry Glukhovsky, Jahrgang 1979, lebt und arbeitet in Moskau. Der Science Fiction-Autor und Publizist gilt als genauer Beobachter des Putin-Regimes. Sein aktueller Roman “Text” ist gerade auf deutsch erschienen.


Zuletzt aktualisiert: 15.12.2018, 06:03:06