Abriss der Brücke von Genua beginnt

Gepostet am 08.02.2019 um 03:38 Uhr

Viele Schaulustige werden da sein – und viele Politiker: Italiens Regierung macht aus dem Beginn der Abrissarbeiten an der Unglücksbrücke von Genua eine Art kleinen Staatsakt. Ihr Zeitplan ist ehrgeizig. Von Jörg Seisselberg.

Viele Schaulustige werden da sein – und viele Politiker: Italiens Regierung macht aus dem Beginn der Abrissarbeiten an der Unglücksbrücke von Genua eine Art kleinen Staatsakt. Ihr Zeitplan ist ehrgeizig.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

43 Tote, 600 Menschen, die ihr Zuhause unter der Brücke verloren, die Regierung rief für Genua den Notstand aus. Knapp sechs Monate nach dem Unglück wird heute damit begonnen, die Reste der Brücke abzutragen. Ein besonderer Tag, sagt Genuas Bürgermeister Marco Bucci. „Es hat einen hohen symbolischen Wert, wenn wir erleben, wie die Brücke jetzt abgebaut wird. Ein großes Teil der Brücke wird ganz langsam runtergelassen.“

Rund siebeneinhalb Stunden wird es dauern, bis das erste große Stück aus dem westlichen noch verbliebenen Brückenteil zu Boden gebracht ist. Mit bloßen Augen wird heute schwer zu erkennen sein, dass sich das 800 Tonnen schwere Teil bewegt. Trotzdem wird der Beginn der Abbrucharbeiten von der italienischen Regierung zu einer Art kleinem Staatsakt gemacht.

Symbolthema für die Regierung

Ministerpräsident Giuseppe Conte reist an, ebenso Verkehrsminister Danilo Toninelli. Nach dem Unglück hatten unter anderem diese beiden sehr schnell die Vorgängerregierung und die Autobahngesellschaft Autostrade per l’Italia für die Katastrophe verantwortlich gemacht.

Eine Aufklärung der Unglücksursachen sowie der Neubau einer sicheren Brücke wurde in den Wochen danach zum Symbolthema für die regierenden Populisten. Ministerpräsident Conte versprach: „Das sind Tragödien, die unakzeptabel sind in einer modernen Gesellschaft. So etwas darf nicht passieren. Die Regierung wird alles tun, um zu verhindern, dass sich derartige Tragödien wiederholen.“

Ob Anklage erhoben wird, ist unklar

Wer für das Unglück Verantwortung trägt, ist juristisch noch nicht geklärt. Die Staatsanwaltschaft Genua ermittelt gegen 20 Beschuldigte, unter anderem Mitarbeiter von Ministerien und Prüffirmen, gegen Ingenieure und Vertreter der Autobahngesellschaft. Ob und gegebenenfalls wann Anklage erhoben wird, ist noch unklar.

Einen klaren Zeitplan gibt es dagegen für den Abbruch und den Bau einer neuen Brücke. Drei Monate soll die Beseitigung der Brückenreste dauern. Danach – so zumindest die Planung – wird in für italienische Verhältnisse rekordverdächtigem Tempo das neue Bauwerk hochgezogen. Bereits in etwas mehr als einem Jahr – bis zum 15. April 2020 – soll die Nachfolgebrücke fertig sein. Geplant hat sie der aus Genua stammende Stararchitekt Renzo Piano. Sein Versprechen: Seine Brücke halte 1000 Jahre.

„Ich glaube nicht, dass das so einfach wird“

Schon gestern hatten sich am Westhang neben der Brücke, in der Via Coronata, die ersten Schaulustigen eingefunden. Von hier aus hat man einen guten Blick auf die Brückenreste. „Hoffen wir, dass sie das schnell hingekommen, die Brücke abzureißen und dann die neue zu bauen. Ich glaube nicht, dass das so einfach wird“, sagt ein Mann mit Blick auf die laufenden Vorbereitungsarbeiten.

Ein anderer Genueser, dessen Schwiegersohn nach seinen Worten zehn Minuten vor dem Unglück auf dem Weg zu Arbeit über die Unglücksbrücke gefahren ist, schwankt angesichts der ehrgeizigen Zeitplanung der Regierung zwischen Zweifel und Hoffnung: „Das wird seine Zeit dauern. Auf dem Papier kann man sowas schnell sagen, aber dann gibt es im Laufe der Zeit immer Probleme. Ich kann nur hoffen, dass sie das mit der neuen Brücke relativ schnell schaffen und vor allem so vernünftig, dass sie nicht mehr einstürzt.“

Zuletzt aktualisiert: 18.06.2019, 05:19:43