Wirtschaftlich top – gefühlsmäßig flopp

Gepostet am 19.09.2018 um 12:55 Uhr

Die 30- bis 59-Jährigen in Deutschland sind wirtschaftlich zufrieden – aber tief verunsichert. Die „Generation Mitte“ sorgt sich vor allem um den gesellschaftliche Zusammenhalt, ergab eine Allensbach-Umfrage. Von Martin Mair.

Die 30- bis 59-Jährigen in Deutschland sind wirtschaftlich zufrieden – aber tief verunsichert. Die „Generation Mitte“ sorgt sich vor allem um den gesellschaftlichen Zusammenhalt, ergab eine Allensbach-Umfrage.

Von Martin Mair, ARD-Hauptstadtstudio

Finanziell läuft es ziemlich gut. Angst vor Abstieg? Eigentlich nicht. Trotzdem ist da ein ungutes Gefühl bei der „Generation Mitte“. Meinungsforscherin Renate Köcher sagt über die 30- bis 59-Jährigen: „Wenn die mittlere Generation das gesellschaftliche Klima beschreibt, dann hat man das Gefühl, sie fröstelt.“

Denn nur ein Drittel sagt: Wir leben in glücklichen Zeiten. Ganze 42 Prozent gehen noch weiter und sagen: Die Zeiten sind ausgesprochen schwierig, ergab die Umfrage des Allensbach-Instituts. Köcher erklärt, was die „Generation Mitte“ pessimistisch auf die Welt blicken lässt: „Sie sagt, es gibt immer mehr Materialismus, mehr Vorbehalte gegenüber Ausländern, eine zunehmende Rücksichtslosigkeit, weniger Hilfsbereitschaft, weniger Zusammenhalt in der Gesellschaft und weniger Bereitschaft, Regeln zu akzeptieren.“

Eigentlich zufrieden

Diese Großwetterlage deckt sich nun so gar nicht damit, wie die Befragten ihre eigene, persönliche Situation sehen. Sie sind zufrieden, fast euphorisch: Fast die Hälfte sagt, es gehe ihnen finanziell besser als vor fünf Jahren. Nur rund jeder Zehnte hat Angst davor, seinen Job zu verlieren. Auch beim Blick in die finanzielle Zukunft herrscht keine Pessimismus.

Die Studie in Auftrag gegeben hatte die deutsche Versicherungswirtschaft. Deren Präsident Wolfgang Weiler erkennt eine Trendwende in dem Widerspruch aus finanzieller Zufriedenheit einerseits und dem negativen Blick auf die Welt andererseits: „Über Jahrzehnte hatten wir ja die Regel: Wenn es den Menschen ökonomisch gut geht, wenn die Wirtschaft brummt, dann ist auch die Stimmung gut. Das scheint in diesem engen Zusammenhang nicht mehr der Fall zu sein – jedenfalls aktuell nicht mehr.“

Sorge um den Zusammenhalt

Die Zahlen zeigen auch: Die Generation Mitte fürchtet einen Werteverfall. Zusammenhalt in der Gesellschaft und der Glaube an die politische Stabilität in Deutschland bröckeln. Themen, bei denen jeder selbst etwas tun könnte, doch zur Selbstkritik sind die 30-59-Jährigen nicht bereit, sagt Meinungsforscherin Köcher: „Man sieht sich eher als Opfer von Entwicklungen, bei denen man glaubt, dass man sie nur in einem überschaubaren Bereich entwickeln kann.“

Deshalb werden Freundschaften und Familie wichtiger in der Wahrnehmung. Der Glaube an die Gesellschaft dagegen schwindet. All diese Erkenntnisse sind nicht neu, sondern in vielen ähnlichen Untersuchungen erhoben worden. Die Frage aber, was dagegen zu tun ist, bleibt auch nach der Allensbach-Umfrage offen. Vielleicht, sagt Meinungsforscherin Renate Köcher, sollte jeder selbst versuchen, für sich eine Antwort zu finden.

Zuletzt aktualisiert: 20.08.2019, 19:00:29