Die Truppe soll sichtbarer werden

Gepostet am 12.11.2019 um 08:27 Uhr

Am heutigen Gründungstag der Bundeswehr sollten Rekruten bundesweit ihre Treue auf Deutschland geloben. Ziel von Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer: die Truppe wieder sichtbarer machen. Von Birgit Schmeitzner.

Am heutigen Gründungstag der Bundeswehr sollten Rekruten bundesweit ihre Treue auf Deutschland geloben. Ziel von Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer: die Truppe wieder sichtbarer machen.

Von Birgit Schmeitzner, ARD-Hauptstadtstudio

Die Truppe wieder sichtbarer machen: Das ist das erklärte Ziel von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer. Ein Weg sind öffentliche Gelöbnisse von Rekruten, auch vor dem Reichstag in Berlin. Der heutige Tag ist dabei mit Bedacht gewählt: Heute vor 64 Jahren hatten die ersten freiwilligen Soldaten ihre Ernennungsurkunde erhalten.

Seit Mitte der 1950er-Jahre schwören beziehungsweise geloben alle Rekruten der Bundeswehr, „der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“. Diese Gelöbnisse finden überall in Deutschland statt, nach Angaben des Bundeswehrverbandes sind es im Schnitt etwa 150 im Jahr – meist auf Kasernengeländen, vor Freunden und Angehörigen der Soldaten. Das letzte öffentliche Gelöbnis vor dem Reichstag in Berlin fand im Jahr 2013 statt.

Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer will diese Zeremonie wieder verstärkt im öffentlichen Raum verankern. Gleich in ihrer Antrittsrede Ende Juli verkündete die CDU-Chefin, sie habe „alle Ministerpräsidenten angeschrieben und ihnen vorgeschlagen, zum Geburtstag der Bundeswehr am 12. November in ihren Bundesländern öffentliche Gelöbnisse durchzuführen“. Dies sollte ein Zeichen der Anerkennung für die Soldatinnen und Soldaten sein. Die Reaktion der Bundestagsabgeordneten war geteilt, es gab Applaus, aber auch Buh-Rufe.

Ein Ritual, das nach innen und außen wirkt

Für den Historiker Jörg Echternkamp vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr hat das Gelöbnis mehrere Funktionen. Zum einen wirke es nach innen: Es beziehe sich auf die Tradition und stärke das Zusammengehörigkeitsgefühl der Soldaten. Zum anderen kann das Militär laut Echternkamp der Gesellschaft zeigen, wie es wahrgenommen werden möchte. Es gehe um Akzeptanz und Integration. Das sei gerade nach der Aussetzung der Wehrpflicht ein wichtiger Faktor, weil die Bundeswehr ja Freiwillige für sich gewinnen müsse.

In früheren Jahren kam es immer wieder zu Protesten gegen öffentliche Gelöbnisse von Rekruten. Echternkamp wertet diese Proteste als Zeichen dafür, dass so eine Veranstaltung mehr sei als nur Aufmarsch – Gelöbnis – Musik – Abmarsch. Manche Bürger seien der Ansicht, dass man die Armee ganz abschaffen müsse. Andere hätten die Sorge, dass sich die Gesellschaft „militarisiert“. Diese Sorge hält der Historiker allerdings für übertrieben, zumindest „so lange es nicht eine Panzerparade Unter den Linden“ in Berlin gebe. 

Am Gründungstag der Bundeswehr

Als Kramp-Karrenbauer den 12. November als Termin für die Gelöbnisse vorschlug, mussten viele erst nachdenken, was es mit diesem Tag auf sich hat. Es ist der Gründungstag der Bundeswehr. Am 12. November 1955 wurden die ersten 101 Freiwilligen vom damaligen Verteidigungsminister Theodor Blank in einer Kaserne in Bonn zu Soldaten gemacht. Bei einer nüchternen Zeremonie, abgehalten in einer Fahrzeughalle, waren die Wände mit Stoffbahnen abgehängt. Die Kapitulation der Wehrmacht war gerade erst zehn Jahre her.

Zunächst wollten die Alliierten ein militärfreies Deutschland. Doch der Ost-West-Konflikt verschärfte sich, die Bundesrepublik wurde Mitglied der NATO, die westlichen Alliierten änderten ihre Meinung.

Dem Historiker Echternkamp zufolge, hätten es damals viele Bundesbürger vorgezogen, den Namen „Wehrmacht“ beizubehalten. Kritiker sahen in der Bundeswehr eine unpassende Parallele zur Feuerwehr. Die bekämpfe das Feuer, „aber die Bundeswehr nicht den Bund“. Diese Diskussion ist heute längst vergessen. Dafür gibt es andere Streitpunkte: Wie groß soll die Bundeswehr sein? An welchen Auslandsmissionen soll sie teilnehmen? Wie viel darf sie kosten?

Kramp-Karrenbauer während ihrer Rede an der Universität der Bundeswehr in München

Rede zur Sicherheitspolitik

„Nicht am Rand stehen, sondern einbringen“

Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer hat ihre Ideen für die Sicherheitspolitik Deutschlands vorgestellt. | mehr

Zwei-Prozent-Ziel der NATO

Kramp-Karrenbauer steht wie ihre Vorgängerin Ursula von der Leyen zum Zwei-Prozent-Ziel der NATO und damit zu einem steigenden Verteidigungs-Etat. Aber die CDU-Chefin macht auch einiges anders: Sie hat die Privatisierung der HIL-Werke gestoppt, in denen Panzer und anderes Militärgerät gewartet und repariert werden. Und sie wirkt auf die Truppe nahbarer als von der Leyen. Darauf zahlt sicher auch der Umstand ein, dass sie das schon länger geplante Projekt „kostenlose Bahntickets für Soldaten“ schnell zum Abschluss gebracht hat.

Sie sei gelassen aber sehr konzentriert, beschrieb sich Kramp-Karrenbauer im ARD-Sommerinterview Anfang September. Sie sprach aber auch von Hürden, die sie „nicht so elegant genommen“ habe. In der Tat bietet sie Kritikern immer wieder offene Flanken. Etwa wenn sie die türkische Militäroffensive im Norden Syriens als „Annexion“ bezeichnet. Oder ohne Absprache mit dem Koalitionspartner SPD eine Schutzzone in Syrien ins Spiel bringt. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg bescheinigte ihr kürzlich starke Führungsqualitäten. Ihr Rückhalt bei den Bundesbürgern sieht dagegen weniger gut aus: Dem jüngsten Deutschlandtrend zufolge sind nur 18 Prozent mit Kramp-Karrenbauers Arbeit zufrieden.

Öffentliche Gelöbnisse am Gründungstag der Bundeswehr
Birgit Schmeitzner, ARD Berlin
06:41:00 Uhr, 12.11.2019

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 12. November 2019 um 07:20 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 06.12.2019, 21:41:39