Ein Dorf rutscht ab

Gepostet am 25.11.2019 um 04:01 Uhr

Das Schweizer Dorf Brienz rutscht von Jahr zu Jahr ein Stück weiter in Richtung Tal. Den Bewohnern bleibt nur eines: Sie versuchen, irgendwie mit der Ungewissheit zu leben. Von Mathias Zahn.

Das Schweizer Dorf Brienz rutscht von Jahr zu Jahr ein Stück weiter in Richtung Tal. Den Bewohnern bleibt nur eine Wahl: Sie versuchen, irgendwie mit der Ungewissheit zu leben. Mathias Zahn hat Brienz besucht.

Von Mathias Zahn, ARD-Studio Zürich, zzt. Brienz

Auf der Wiese/api/multimedia/bilder/zahn-103~_v-original16x9.jpg am Ortseingang liegen große Felsbrocken. Als ob der Berg sie zornig in Richtung Dorf gespuckt hätte. Franziska kommt gerade von einem Spaziergang zurück und schaut besorgt hoch ins Felsmassiv. Sie lebt schon seit Jahrzehnten in Brienz im Kanton Graubünden.

In dieser Zeit sind immer wieder Steinbrocken heruntergedonnert. Aber jetzt stürzen mehr und größere Brocken bis kurz vor das Dorf. Vor allem nachts könne ihr schon mal mulmig werden, sagt Franziska.

Ein dumpfes Dröhnen

Plötzlich ist ein Donnergrollen zu hören. Oben im Berg haben sich wieder Felsbrocken gelöst und stürzen mit einem dumpfen Dröhnen nach unten. Franziska gibt aber schnell Entwarnung – es sind nur kleinere Brocken.

Die Lage hat sich in wenigen Jahren stark verschlimmert. Der Hang über Brienz verschiebt sich jedes Jahr um bis zu vier Meter. Aber auch das Dorf selbst rutscht wie auf einer Platte Richtung Tal – inzwischen mit einem beunruhigenden Tempo von gut einem Meter im Jahr. Die Folgen sind deutlich zu sehen. Der gelbe Kirchturm steht leicht schief. Häuserfassaden haben Risse. Und auch in den Häusern gibt es Schäden.

Brienz könnte verschüttet werden

„Es werden Fensterrahmen aufgerissen, Türen sind nicht mehr ganz schließbar, es entstehen Undichtigkeiten“, sagt Mario Cavigelli als Regierungsrat beim Kanton zuständig für Naturgefahren. Er spricht von erheblichen Schäden, die heute sichtbar seien.

Er hat auch den schlimmsten Fall berechnen lassen. Millionen Kubikmeter Gestein könnten ins Tal stürzen und Brienz verschütten.

Der Berg wird rund um die Uhr mit Radarmessungen überwacht. Die Behörden zeigen sich sicher, einen bevorstehenden großen Felssturz erkennen zu können. Im dramatischsten Fall würden den Bewohnern sechs Stunden bleiben, um das Dorf zu verlassen.

Die Evakuierungspläne stehen seit Juni und geben eine gewisse Sicherheit. Doch die Menschen in Brienz hätten am liebsten eine Lösung.

Brienzer brauchen gute Nerven

Warum der Berg und das Dorf rutschen, wird noch untersucht. Wasser spielt aber auf jeden Fall eine wesentliche Rolle. Nach starkem Regen etwa rutscht das Gestein schneller. Eine Lösung könnte ein Stollen im Berg sein, in den das Wasser abfließt. Ob das aber überhaupt machbar wäre, ist noch völlig offen.

Immerhin: Gemeinde, Kanton Graubünden und der Bund versprechen alles zu tun, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Vergangene Woche wurden die Bewohner in der mittlerweile fünften Infoveranstaltung auf den Stand der Dinge gebracht. Dennoch: Die Menschen in Brienz werden noch einige Zeit gute Nerven brauchen.

Im Dorf versuchen die Menschen irgendwie mit der Ungewissheit zu leben. Einige loben die Behörden für ihr Vorgehen, es ist aber auch Kritik zu hören. Wie von Olivier, der ein Ferienhaus in Brienz hat:

„Ich habe das Gefühl, dass man Ursachenforschung betreibt und keine Sofortmaßnahmen einleitet“, sagt er. „Mir geht es zu langsam.“

Berg- und Dorfrutsch: Brienz – Das gefährdetste Dorf der Schweiz
Mathias Zahn, ARD Berlin, zzt. Zürich
21:18:00 Uhr, 24.11.2019

Zuletzt aktualisiert: 16.12.2019, 08:04:35