“Taten verdrängt, die Opfer vergessen”

Gepostet am 27.01.2017 um 14:18 Uhr

Was bleibt, ist das Erinnern – denn der Mord an 300.000 Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung war lange Zeit eines der großen Tabus der NS-Verbrechen. Die Opfer der “Euthanasie”-Morde standen im Mittelpunkt der Gedenkstunde im Bundestag. Von M. Mair.

Was bleibt, ist das Erinnern – denn der Mord an 300.000 Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung war lange Zeit eines der großen Tabus der NS-Verbrechen. Die Opfer der “Euthanasie”-Morde standen im Mittelpunkt der Gedenkstunde im Bundestag.

Von Martin Mair, ARD-Hauptstadtstudio

In der Reichstagskuppel drängen sich Besucher auf der Suche nach dem besten Platz für ein Foto. “Warum weht die Fahne eigentlich auf Halbmast?”, wundert sich eine Schülerin. Der Blick nach unten in den Plenarsaal gibt die Antwort: Der Bundestag gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus.

Am Rednerpult steht Sigrid Falkenstein. Sie ist gekommen, um die Erinnerung wachzuhalten: “Hundertausendfacher Massenmord an wehrlosen, kranken und behinderten Menschen, ausgeführt von denjenigen, die sie schützen, heilen und pflegen sollten. Die Opfer waren keine anonyme Masse – es waren einzelne Menschen, die lachten oder weinten, und wie wir alle Hoffnungen und Träume hatten.”

Das Gegenteil von Aufarbeitung

Einer dieser Menschen ist Anna Lehnkering, Sigrid Falkensteins Tante. Nur zufällig stieß die Nichte auf das Schicksal der Frau, die geistig behindert war und die von Nazis im sogenannten Euthanasie-Programm am 7. März 1940 ermordet wurde. Wochen später, so erzählt Falkenstein, kam ein sogenannter Trostbrief mit gefälschter Todesursache.

Die Mutter der ermordeten Anna hat ihn aufgehoben. “Ob sie wirklich geglaubt hat, vielleicht auch glauben wollte, dass der Tod – wie im Brief vorgetäuscht – bei der schweren Erkrankung ihrer Tochter eine Erlösung war?” Darauf hat die Nichte keine Antwort. Bis 2003 sprach jedenfalls niemand in der Familie über Anna.

Der Mord an etwa 300.000 Behinderten war lange eines der großen Tabus der NS-Verbrechen. Bundestagspräsident Norbert Lammert beklagt, dass eine Aufarbeitung lange nicht stattgefunden habe, weder in Politik noch Gesellschaft. Ganz im Gegenteil: “Ehemalige Täter wurden zu Ordinarien befördert und mit Verdienstkreuzen geehrt. Ihre Taten wurden verdrängt und die Opfer vergessen.”

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Wenn Menschen als “lebensunwert” gelten

Denn viele Mütter und Väter, Brüder und Schwestern schwiegen über die ermordeten Angehörigen. Nur selten sind Briefe erhalten, die vom barbarischen Morden der Ärzte, Schwestern und Pfleger berichten. Briefe, wie die von Ernst Putzki: “Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie Fliegen. Man beerdigt die von Haut überzogenen Knochen ohne Sarg.”

Im Bundestag liest Sebastian Urbanski aus einem Brief des Grauens. Der Schauspieler hat das Down-Syndrom. Es ist ein bewegender Moment der Gedenkstunde, als der 38-Jährige am Rednerpult steht. Er verdeutlicht für einen Moment, wie unvorstellbar grausam das Morden der Nazis an Menschen war, die in der Rassenideologie als “lebensunwert” galten.

Der Mensch und die Würde

Lammert erinnert an den ersten Artikel des Grundgesetzes, in dem steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar. “Doch die Geschichte zeigt, die Würde des Menschen ist antastbar. Nirgendwo wurde dieser Nachweis deutlicher geführt als in Deutschland.”

Was bleibt, so sagt es die Nichte der ermordeten Anna Lehnkering, ist das Erinnern, auch wenn das Mut und Beharrlichkeit verlangt. Über ihren Köpfen drängen sich in der Reichstagskuppel die Besuchergruppen auf der Suche nach dem besten Ort für ein Foto der Berliner Skyline. Das Erinnern ist nur einen Steinwurf entfernt und doch weit weg.

Bundestag erinnert an Opfer des NS-“Euthanasie”-Programms
M. Mair, ARD Berlin
13:16:00 Uhr, 27.01.2017

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. Januar 2017 um 14:00 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 24.08.2017, 12:23:12