Gabriel, der Realist

Gepostet am 24.01.2017 um 19:04 Uhr

Gabriel kann man viel vorwerfen, aber nicht mangelnde Selbsteinschätzung. Was ihm hingegen fehlt für Erfolg in der Politik ist Vertrauen, meint Volker Schaffranke. Seine Beliebtheit auch in der eigenen Partei ist mau. Gabriel wäre als K-Kandidat gnadenlos untergegangen.

Gabriel kann man viel vorwerfen, aber nicht mangelnde Selbsteinschätzung. Was ihm hingegen fehlt für Erfolg in der Politik ist Vertrauen. Seine Beliebtheit auch in der eigenen Partei ist mau. Gabriel wäre als K-Kandidat gnadenlos untergegangen.

Ein Kommentar von Volker Schaffranke, ARD-Hauptstadtstudio

Sigmar Gabriel zu unterschätzen, war schon immer ein Fehler, nicht nur der seiner Gegner. Der Mann hat einige Schwächen, die ihm das Leben als Politiker oft genug schwer machen: Er poltert gerne herum, ist wankelmütig, und wenn ihm was nicht passt, macht er daraus nie einen Hehl. Aber er verfügt über das, was vielen im politischen Betrieb fehlt: Er kann sich und seine Möglichkeiten gut einschätzen.

Von Anfang an war ihm klar: Als SPD-Chef, als Vizekanzler, als Wirtschaftsminister muss er Dampf machen. Liefern – und zwar schnell. Eines wollte er von Anfang an in der Wiederauflage der Großen Koalition vermeiden: Dass die SPD wieder nur als das Anhängsel von Angela Merkel wahrgenommen wird, als der Teppichvorleger vor dem Kanzleramt.

Und er hat es versucht: über ganz traditionelle sozialdemokratische Themen wie Mindestlohn, Mietpreisbremse, Rente mit 63. Zudem drückte er den beliebten Außenminister Frank-Walter Steinmeier als Bundespräsidentenkandidaten durch. Die Kanzlerin stand verlegen daneben.

Auf der Habenseite der SPD? Nichts

Und am Ende ist das Gabriels Meisterstück in dieser Großen Koalition. Eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. Selbst Unionsleute waren verblüfft, wie stark sich die SPD in dieser Regierung durchsetzen konnte. Das ging nur mit Gabriel. Doch genutzt hat es ihm und der Partei nichts. Der eigene Mann an der Spitze der SPD verhungerte in der Beliebtheitsskala von Umfragen im letzten Drittel, und die SPD dümpelt bis heute bei 20 Prozent dahin. Und während sich CDU und CSU über Wochen in der Öffentlichkeit streiten, dass die Fetzen fliegen, so dass sogar darüber spekuliert wurde, ob Merkel sich das noch einmal antut, bleibt die Habenseite der Sozialdemokraten leer.

Mit diesen Fakten konnte Gabriel nicht als Kanzlerkandidat in den Wahlkampf ziehen, er wäre gnadenlos untergegangen. Seine eigene Leute hätten ihn früher oder später zerfleischt. Und er wäre, bevor der Wahlkampf richtig losgeht,  eine “lame duck” gewesen. Das wusste er sehr genau.

Natürlich hat die ganze Misere nicht nur etwas mit seiner Person zu tun. Das liegt auch daran, dass die Sozialdemokratie europaweit eine Krise durchlebt. Gabriel erkannte dies sogar früher als andere, aber etwas dagegen tun konnte er auch nicht. Ihm fehlte schlicht und ergreifend das, was man als Politiker neben einer guten Selbstwahrnehmung ebenso braucht: Vertrauen.

Kommentar: Gabriel nicht unterschätzen
V. Schaffranke, ARD Berlin
17:47:00 Uhr, 24.01.2017

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. Januar 2017 um 17:00 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 22.11.2017, 19:19:23