#FreeDeniz oder nicht? Das denken Facebook- und Twitter-User

Gepostet am 03.03.2017 um 11:39 Uhr

Regierung, Opposition, die Presse: In Deutschland scheinen eigentlich alle gegen die Inhaftierung von Deniz Yücel zu sein. Doch in den sozialen Medien sieht das anders aus.

#FreeDeniz – unter dem Hashtag häufen sich seit knapp drei Wochen Solidaritätsbekundungen zum Journalisten Deniz Yücel. Der „Welt“-Korrespondent befindet sich seit Montag in Untersuchungshaft in Istanbul. Die türkischen Behörden werfen ihm Terrorpropaganda und Volksverhetzung vor.

Dementgegen stehen die deutsche Regierung sowie zahlreiche Oppositionspolitiker und deutsche Pressevertreter, darunter auch die Chefredakteurin des ARD-Hauptstadtstudios, Tina Hassel. In Deutschland scheinen eigentlich alle gegen die Inhaftierung von Deniz Yücel zu sein.

Aber: In den sozialen Netzwerken zeigt sich auch ein anderes Bild:

Wir haben das zum Anlass genommen, Nutzerkommentare auf unseren Facebook-Seiten ARD-Hauptstadtstudio und Bericht aus Berlin zu analysieren. Die Namen und Profilbder zitierten User haben wir im Artikel unkenntlich gemacht, da sie lediglich als Beispiele dienen und keine Einzelfälle sind.

Immer wieder verweisen Nutzer auf Aussagen von Yücel, die aus seinen Kolumnen und Artikeln stammen. Eine der Hauptquellen für diese Aussagen ist eine „Taz“-Kolumne aus dem Jahr 2011. „Super, Deutschland schafft sich ab!“, so lautet der Titel, bezieht sich auf den Geburtenrückgang in Deutschland. Es handelt sich allerdings um eine satirische Kolumne.

Doch das scheint nicht bei allen angekommen zu sein oder bewusst ausgeblendet zu werden.

Dieser User betont zwar einerseits, dass „viele türkische Journalisten“ unsere Solidarität verdienen, und bekennt sich damit indirekt zur Pressefreiheit. Auf der anderen Seite scheint für ihn diese aber in Yücels Fall nicht zu gelten. Pressefreiheit also nur, so lange in seinem Sinne geschrieben wird? Damit stellt sich der User letztlich auf eine Linie mit der türkischen Regierung.

Öffentliche Meinung vs. Soziale Medien?

Recherchiert man bei Twitter, finden sich auch politische Vertreter unter den Top-Tweets zu #FreeDeniz: Die AfD Magdeburg und die AfD Düsseldorf zum Beispiel.

Sie scheinen sich – das sieht man bereits an ihrer Schreibweise seines Nachnamens – nicht intensiv mit dem inhaftierten Journalisten beschäftigt zu haben (korrekt wäre Yücel, nicht Yükel). Auch sie thematisieren die aus dem satirischen Kontext gerissenen Äußerungen von Deniz Yücel gegenüber Deutschen und Deutschland.  Es sind zugespitzte Aussagen einer Kolumne, die provoziert und polarisiert hat.

Spätestens hier erinnern wir uns an den Fall Böhmermann. Spielte da die Türkei nicht auch eine Rolle? Nach einem satirischen Gedicht des TV-Moderators Jan Böhmermann hatte Erdoğan im April 2016 ein Strafverlangen gestellt. Vor dem Hamburger Landgericht hat er im Februar einen Erfolg erzielt: Teile des Gedichts wurden verboten. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig – und umstritten.

Ist das überhaupt unser Problem?

Ein weiterer Aspekt, den #FreeDeniz-Gegner aufgreifen, ist die Frage nach der doppelten Staatsbürgerschaft. Auch die AfD Magdeburg setzt das „deutsch“ im Tweet in Anführungszeichen. Für manche User ist Yücel mehr Türke als Deutscher:

 

Yücel wurde am 10. September 1973 im hessischen Flörsheim am Main geboren. Er hat an der Freien Universität Politikwissenschaft studiert und hat einen deutschen sowie einen türkischen Pass. Letzteres genügt aber offensichtlich vielen Usern, um den in der Türkei inhaftierten deutschen Staatsbürger als „Sturm im Wasserglas ohne politische oder sonstige Bedeutung“ zu bezeichnen. Yücel sei kein deutsches Problem.  Das ist nicht weniger als rechtspopulistische Stimmungsmache, denn:

Natürlich ist das unser Problem! 

Eine kleine Zusammenfassung:

Yücel ist deutscher Staatsbürger. Zu den deutschen Werten gehört die Pressefreiheit, im Grundgesetz verankert in

Artikel 5:

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Ob Satire oder sachliche Berichterstattung – Pressefreiheit ist Teil unseres Kulturverständnisses und sollte auch im Ausland geschützt und verteidigt werden, zumal wenn ein deutscher Journalist in U-Haft sitzt, nur weil er seiner Arbeit nachgegangen ist.

Zuletzt aktualisiert: 24.03.2017, 18:53:11