Wo bleiben die Frauen im Bundestag? Foto: imago/Stefan Zeitz

Frauen – wo seid Ihr…?

Gepostet am 27.09.2017 um 18:47 Uhr

Der Bundestag ist größer denn je – und der Frauenanteil schrumpft auf das Maß von vor 20 Jahren. Was ist da los? Eine Analyse von Kristina Böker.

In dieser Woche tagen die neuen Fraktionen im Bundestag. Beim Blick in die Fraktions-Säle fällt auf: bei so mancher Fraktion sieht man fast nur graue und dunkle Anzüge – das typische Herren-Outfit. Vor allem bei AfD und FDP muss man die Frauen in den Reihen suchen. Gerade mal 11 (von 93) sind es bei der AfD und 18 (von 80) bei der FDP.

Im just gewählten 19. deutschen Bundestag haben die Frauen einen Anteil von 30,7%.

Der sinkende Frauenanteil erscheint absurd
Von 709 Abgeordneten sind 218 weiblichen Geschlechts. In der vergangenen Legislaturperiode lag der Anteil bei 37,1%. Das war schon der bisherige Rekord. Weltweit ist Deutschland immerhin noch über Durchschnitt und auch vor den USA. Aber hinter Frankreich, Spanien, Dänemark oder Schweden – und auch hinter Ruanda, Bolivien, Angola oder Tansania.

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt für uns zwar einen positiven Trend: Im ersten deutschen Bundestag waren nur 6,8% der Abgeordneten Frauen, 1972 sogar noch weniger: 5,8%. Seitdem ging´s fast stetig bergauf. Trotzdem erscheint der nun wieder sinkende Frauen-Anteil absurd. Gibt es doch in der Bevölkerung einen Frauen-Überschuss von rund einer Million. Und auch bei den Wahlberechtigten sind die Frauen in Überzahl.

Warum sinkt der Anteil der Frauen? Vielleicht hilft ein erneuter Blick in die Fraktionen bei der Analyse: prozentual die meisten Frauen sitzen mit 58% in den Reihen der Grünen. Die Linken bringen es auf 54%, die SPD kommt auf 42% – die Quote macht´s möglich. Mit dem Einzug von AfD und FDP ist der Anteil an Parteien, die ohne strikte Quotierung ihre Listen aufstellen, größer geworden. Das erklärt den Rückgang im neuen Bundestag zumindest rein zahlenmäßig.

FrauenrechtlerInnen fordern schon lang ein Paritätsgesetz
Aber der geringe Frauen-Anteil spiegelt auch den geringen Frauen-Anteil in den Parteien. Da sind die Grünen (Stand Ende 2016) mit nicht mal 40% schon Spitzenreiter. Warum das so ist, dazu gibt es viele Theorien: sind es die männlich geprägten Kungelrunden, auf die Frauen keine Lust haben? Oder setzen Frauen im Leben andere Prioritäten, also Familie statt Karriere? Oder haben Frauen weniger Interesse an Parteipolitik und engagieren sich gern anderswo?

Welche Theorie auch immer stimmt, für die Arbeit im Parlament heißt das, dass alle Gesetzesvorhaben weniger durch die weibliche als durch die männliche Brille angeschaut werden. Vermutlich wird in einem männlich dominierten Bundestag die Familienpolitik eher zum „Gedöns“ – wie Bundeskanzler Schröder sie einst nannte – als in einem 50/50-Parlament. Frauenrechtlerinnen fordern genau deshalb seit langem ein Paritätsgesetz, rechnen aber bei einer Jamaika-Koalition nicht damit, dass es im Koalitionsvertrag landet.

Doch zurück in die männerdominierten Fraktions-Säle: es gibt eine gewisse Hoffnung, dass Mitte 2021 die Übermacht der dunklen Anzüge dort abgenommen haben wird. So war es zumindest am Ende aller bisherigen Legislaturperioden. Wahrscheinlich, weil für ausscheidende Parlamentarier die Frauen von den wenig aussichtsreichen hinteren Listenplätzen nachrücken.

Autorin: Kristina Böker

Zuletzt aktualisiert: 25.06.2019, 14:01:24