Frau Doktor Weidel und die Zahlen

Gepostet am 19.09.2017 um 18:54 Uhr

Der Lebenslauf von Alice Weidel liest sich beeindruckend. Trotz ihres akademischen Hintergrunds bleibt sie als AfD-Spitzenkandidatin aber im Affekte schürenden Ungefähren. Thomas Kreutzmann hat ihre Aussagen überprüft.

Hut ab. Alice Weidel, Spitzenkandidatin der AfD bei der Bundestagswahl, hat – wie man so liest – eine beeindruckende Vita: Studium der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Analystin bei Goldman Sachs, und ihre Dissertation hat sie summa cum laude abgeschlossen. Die (CDU-nahe) Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützte sie dabei sogar mit Mitteln der Begabtenförderung.

Frau Dr. Weidel sollte also schon studien- und berufsmäßig präzise mit Zahlen umgehen können. Kann sie vielleicht auch. Nur: Sie tut es häufig nicht. Alice Weidel, die frühere Wissenschaftlerin, bleibt gerne im Affekte schürenden Ungefähren. Dafür macht sie Milchmädchenrechnungen auf, die ihren früheren Kommilitonen die Schamesröte ins Gesicht treiben müssten.

Etwa am Montag bei Plasberg. Original-Ton Weidel:

“Wir als AfD sind ganz klar positioniert. Wir sind gegen den Familiennachzug. Der jetzt auch gewährt wurde zu [sic!] 390.000 Syrern. Wenn wir im Durchschnitt mit vier bis fünf Menschen rechnen, Familienangehörigen, ergibt das allein im Jahr 2018 bis zu zwei Millionen zusätzliche Menschen.”

Das Auswärtige Amt macht am Dienstag dem ARD-Hauptstadtstudio eine Rechnung auf, laut der Weidel extrem übertreibt. Zum einen sind die “390.000 Syrer” nicht bestätigt. Vor allem aber ist die Zahl der vermutlich Nachkommenden wohl deutlich niedriger. Mal so eben um das sieben- bis zehnfache. Mindestens. Denn laut Auswärtigem Amt könnten 2017 und 2018 rund 250.000 Syrer und Iraker nachziehen. Im Prinzip.

Es ist völlig offen, wer von den Berechtigten das auch in Anspruch nehmen wird. Es sind eben keine zwei Millionen Syrer. Es können nur Ehepartner sowie Kinder nachziehen. Und im Durchschnitt haben Syrer 2,6 Kinder. Das rechnet sich nicht auf zwei Millionen hoch, es sei denn, man würde Weidels Formulierung “bis zu” zwei Millionen besonders großzügig auslegen.

Ein sattes Fünftel weniger

Ähnlich beim ARD-TV-Duell der “kleinen Parteien”. Original-Ton Weidel: “Es sind fast 1,5 Millionen Menschen zu uns gekommen.” Nein, Frau Doktor, es sind 2015 und 2016 auch bei großzügiger Rechnung 1,2 Millionen Menschen zu uns gekommen. Ein sattes Fünftel weniger, als von ihnen behauptet. Von einer Frau, die wissenschaftlich und beruflich mit Zahlen arbeitet, muss man nicht political correctness erwarten. Wohl aber “Fakten, Fakten, Fakten”.

Die AfD schmückt sich mit Doktoren- und Professoren-Titeln. Wenn deren TrägerInnen aber wie in der Kneipe statt am Katheder argumentieren, wird es richtig unseriös:
Politik mit Wut statt aus besserem Wissen.

Zuletzt aktualisiert: 15.11.2018, 15:48:19