Fossile leben länger, oder: Was macht Merkel bei den Vertriebenen?

Gepostet am 28.03.2017 um 16:52 Uhr

Vertriebene – gibt es die überhaupt noch? Es gibt auf jeden Fall noch den Vertriebenen-Dachverband BdV. Und der hat für Angela Merkel und die CDU eine ganz besondere Bedeutung, erläutert Robin Lautenbach.

Ein Termin lässt aufhorchen: Heute Abend spricht Angela Merkel auf dem Jahresempfang des Bundes der Vertriebenen. Vertriebene – gibt es die überhaupt noch? Es gibt auf jeden Fall noch den Vertriebenen-Dachverband BdV, nach eigenen Angaben mit 1,3 Millionen Mitgliedern. Doch ist der BdV nicht ein politisches Fossil?

Vorsitzender ist seit zweieinhalb Jahren der CSU-Abgeordnete Bernd Fabritius. Er ist der erste Vertriebenen-Chef, der nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde, nämlich 1965 in Siebenbürgen in Rumänien. Er kam als Aussiedler nach Bayern.

Rolle als Brückenbauer

Fabritius repräsentiert also die zweite oder dritte Generation, also die Kinder und Enkel der ursprünglich ca. 12 Millionen Deutschen, die bei Kriegsende vertrieben wurden. Er sieht seine Rolle als Brückenbauer sowohl zu den deutschen Minderheiten in Osteuropa wie auch zu den Herkunftsländern der Vertriebenen.

Zwischen Deutschen und Polen laufe es zivilgesellschaftlich hervorragend, sagt er, und daran hätten die die Vertriebenen einen großen Anteil. Das sei wichtig, gerade wenn es politisch nicht so gut läuft.

Ton hat sich geändert

Der Ton hat sich geändert. Fabritius Vorgängerin war Erika Steinbach. Sie leistete sich manch scharfen Streit, vor allem mit Polen, wo sie in national-konservativen Kreisen jahrelang als Feindbild Nummer Eins galt. Ihr Hauptproblem: Sie setzte immer auf Konfrontation, nicht auf Versöhnung.

Vor kurzem ist Erika Steinbach aus der CDU ausgetreten. Als Gründe nennt sie die Flüchtlingspolitik Merkels und den angeblichen Linkskurs der CDU. Angela Merkel wiederum ist seit jeher beständige Fürsprecherin der Vertriebenen und hat gleichzeitig mäßigend gewirkt.

Merkel pflegt konsequent die Beziehungen

Aus dem Steinbachschen Projekt eines „Zentrums gegen Vertreibungen“ hat sie mit sanftem Druck eine Bundesstiftung mit dem bezeichnenden Titel „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ geschaffen.
Merkel pflegt konsequent die Beziehungen zu den Heimatvertriebenen. Die sind immer eine sichere Wählerbasis der Union gewesen seit dem großen Streit Ende der 60er Jahre über Willy Brandts Ostpolitik.

Heimatvertriebene sind heute vielleicht politische Fossile, doch mit der Flüchtlingswelle wurden sie wieder erstaunlich aktuell. Vertreibungen sind Unrecht, Flüchtlinge müssen aufgenommen und integriert werden, Flüchtlinge verändern die Aufnahmegesellschaften – bei allen Unterschieden: Das alles hat man in Deutschland nach 1945 schon einmal durchgemacht.
Damals wurde es geschafft. Schaffen wir das jetzt?

Plötzlich ist klar, dass Merkels Auftritt heute mehr ist als Brauchtumspflege von Schlesiern und Siebenbürger Sachsen ist.

Zuletzt aktualisiert: 23.10.2017, 10:05:42