Die Kinder müssen kommen können

Gepostet am 23.12.2019 um 17:43 Uhr

Die Debatte um die Aufnahme minderjähriger Flüchtlinge aus den überfüllten lagern in Griechenland ist unwürdig, meint Uwe Lueb. Die Kinder brauchen Hilfe – und keine politischen Fingerhakeleien.

Die Debatte um die Aufnahme minderjähriger Flüchtlinge aus den überfüllten lagern in Griechenland ist unwürdig, meint Uwe Lueb. Die Kinder brauchen Hilfe – und keine politischen Fingerhakeleien.

Ein Kommentar von Uwe Lueb, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist eine unwürdige Debatte. Unbegleitete minderjährige Kinder und Jugendliche, die es unter erbärmlichen Umständen in griechischen Flüchtlingslagern aushalten müssen, brauchen Hilfe – und keine politischen Fingerhakeleien. Es ist egal, warum und wie diese Kinder gekommen sind: Ob sie sich selbst auf den Weg gemacht haben, von ihren Eltern in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft und Geld der Kinder aus der Ferne geschickt wurden oder ihre Angehörigen auf der langen, beschwerlichen und gefährlichen Reise verloren haben. Die Kinder sind da – und sie stehen auch nicht mehr vor der europäischen Haustür, sondern wenn sie in Griechenland sind, sind sie schon drin.

Gleichwohl gibt es nachvollziehbare Argumente dagegen, die Kinder herzuholen – sie zu retten: An vorderster Stelle das Signal an andere europäische Länder, die womöglich fortan nur noch schlicht auf Deutschland zeigen, wenn es um die Aufnahme von Geflüchteten in der EU geht. Das tun einige ja schon seit 2015.

Daher will die Bundesregierung zurecht eine europäische Lösung. Das Innenministerium von Horst Seehofer gibt sich optimistisch, dass es nächstes Jahr endlich dazu kommt – spätestens in der zweiten Jahreshälfte unter deutscher EU-Ratspräsidentschaft. Und immerhin hat Seehofer schon mit Malta, Italien und Frankreich einen Verhandlungserfolg für auf dem Mittelmeer aufgegriffene Flüchtlinge zu verzeichnen.

Reichen Bedenken aus, jetzt Nein zu sagen? Moralisch nicht

Zudem kann man auch die Frage nach der Gerechtigkeit stellen, wie es die FDP tut: Wenn man den einen hilft, wie erklärt man es den anderen in Lagern in der Türkei, Jordanien und Libyen, dass man ihnen nicht hilft? Und wenn man heute einige Hundert aufnimmt, was sagt man denen, die erst morgen oder übermorgen kommen und der gleichen Misere ausgeliefert sein werden? Aber reichen solche Bedenken aus, jetzt Nein zu sagen? Moralisch ganz sicher nicht.

Und wenn der Ratspräsident der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm sagt, die heilige Familie vor 2000 Jahren sei auch eine Flüchtlingsfamilie gewesen, dann ist klar, was zu tun ist: Die Kinder müssen kommen können. Jede Mutter, jeder Vater in Deutschland würde alles unternehmen, was möglich ist, wenn das eigene Kind im Elend eines Flüchtlingslagers sich selbst überlassen wäre. Dabei geht es nicht um ein Entweder-Oder.

CSU-Entwicklungsminister Gerd Müller fragt zurecht, warum Hilfe in Afrika mit UN-Unterstützung besser funktioniert als in Europa. Die Strukturen, die Logistik und die Hilfen zu verbessern steht also ohnehin an. Aber jetzt in einem humanitären Akt die Kinder zu holen, auch. Das wäre genauso wenig eine Verpflichtung für die Zukunft wie der humanitäre Akt 2015 gegenüber den Menschen auf dem Bahnhof in Budapest. Aber es wäre der Weihnachtsbotschaft würdig.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL am 23. Dezember 2019 um 17:36 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 24.01.2020, 20:22:37