Die Lindner-Festspiele

Gepostet am 12.05.2018 um 20:08 Uhr

Beim ersten Parteitag nach dem Wiedereinzug in den Bundestag strotzt die FDP vor Selbstbewusstsein. Parteichef Lindner unterstrich seinen Führungsanspruch – und die Reaktionen gaben ihm recht. Von Tamara Anthony.

Beim ersten Parteitag nach dem Wiedereinzug in den Bundestag strotzt die FDP vor Selbstbewusstsein. Parteichef Lindner unterstrich seinen Führungsanspruch – und die Reaktionen gaben ihm recht.

Von Tamara Anthony, ARD-Hauptstadtstudio

Bombastische Musik wie bei einem Hollywood-Blockbuster dröhnt durch die Halle zum Beginn des FDP-Parteitag. „Die Partei hat wieder Durchschlagskraft“ ist der Subtext, nicht nur bei der Musikwahl. Es ist der erste Parteitag nach vier Jahren in der außerparlamentarischen Bundestagsopposition.

Die ehemalige Fabrikhalle in Berlin ist überfüllt. Alle Plätze sind besetzt, fast 200 Menschen warten stehend auf die Rede von Parteichef Christian Lindner. Die Choreographie macht deutlich: Lindner ist die unangefochtene Nummer eins. War bei seinen Vorredner der Lärmpegel in der Halle noch hoch, plötzlich wird es ruhig.

Bundesparteitag der FDP in Berlin
tagesschau24 17:14:00 Uhr, 12.05.2018

Lindner tritt an den Sprechpult. Er spannt den großen Bogen, beginnt mit der Krise in Syrien, dem Streit um den Welthandel, die Herausforderungen durch ein aufstrebendes Russland. Führungsschwäche wirft er der Regierung Merkel vor. Ihr Empfang bei Trump bezeichnet er als „protokollarische Ohrfeige“. „Jetzt ist Leadership nötig, Frau Merkel“, ruft Lindner seinen Delegierten zu. „Sagen Sie was Sie für richtig halten, wovon Sie in der Europa-Frage überzeugt sind und kämpfen Sie dafür!“

Die Delegierten sind begeistert. Lindner fährt fort: „Wenn Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher 1989 die gleiche Zögerlichkeit gehabt hätten wie Frau Merkel heute, hätte es die deutsche Einheit niemals gegeben.“ Jetzt tobt der Saal.

Bekenntnis zur EU und Einbindung Russlands

Lindner plädiert für den Multilateralismus. Er wettert gegen Abschottung und ruft immer wieder die aktuelle Regierung zum Handeln auf. „Deutschland sollte die Initiative zu einem Sondergipfel ergreifen, damit Europa wieder mit einer Stimme spricht“, fordert Lindner. Die Beziehung zu Großbritannien müsse Deutschland angesichts des Brexit stärken, damit es nicht zu einer Entfremdung komme.

Und auch die parteiintern umstrittenen außenpolitischen Punkte legt der Parteichef auf den Tisch. „Russland hat seinen Platz im Haus Europa, wenn es sich an die Hausordnung hält“, ruft Lindner unter Applaus. Er spricht sich dafür aus, Russland wieder in den Kreis der G7+1 oder G8 aufzunehmen.

Sein Vize, der schleswig-holsteinische Wolfgang Kubicki, fordert dagegen einen moderaten Abbau von Russland-Sanktionen. „Unsere Außenpolitiker raten davon ab“, meint Lindner in seiner Rede, „der Westen erschiene dann defensiv und schwach“.

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Großer Rundumschlag

Der inhaltliche Konflikt war im Vorfeld immer wieder auch als Machtkampf zwischen den Parteichefs beschrieben worden. Christian Lindner geht in die Offensive: „Wir sind eine lebendige Partei“, appelliert er in Richtung seiner Delegierten. „Ein Meinungsspektrum macht uns nicht schwach, sondern stark. Niemand, der hier eine unterlegene Meinung vertritt, ist danach verbrannt.“ Tosender Applaus scheint ihm Recht zu geben.

Von der Außenpolitik geht es über Zukunftstechnologien und Wirtschaftspolitik zum Thema Arbeitspolitik. In der Migrationspolitik übt er deutliche Kritik an Bundesinnenminister Horst Seehofer, noch härter greift er CSU-Chef Söder wegen dessen Kreuz-Erlasses an.

Danach nur noch Gummibärchen

Mit stehenden Ovationen endet die etwa 90 Minuten lange Rede von Parteichef Lindner. Es ist der einzige Höhepunkt am ersten Tag des zweitägigen Parteitags. Die Gäste haben sich schnell in die Halle nebenan verabschiedet, hier verschenken Sponsoren Gummibärchen und Spielzeug.

Ein wenig Stimmung kommt noch in den Plenarsaal bei der allgemeinen Aussprache: Mit Vehemenz tragen einige Delegierte ihre Ablehnung zu einer Frauenquote vor. Doch dann ist auch Lindner die nächsten Stunden nicht mehr an seinem Platz auf dem Podium zu sehen. Über Stunden befasst sich die Partei mit parteiinternen Regularien, jetzt leeren sich auch die Stühle der Delegierten. Mal wieder wird klar, Christian Lindner ist die Partei.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. Mai 2018 um 17:00 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 30.09.2020, 16:22:56