“Meine Oma wurde ermordet”

Gepostet am 27.01.2017 um 16:51 Uhr

Das”Euthanasie”-Programm der Nazis, die Entscheidung über lebenswerte und lebensunwerte Menschen, hat für Birgit Schmeitzner ein Gesicht: das ihrer Großmutter. Sie erklärt, warum das Gedenken an sie und die anderen Opfer wichtig ist.

Das Euthanasie-Programm der Nazis, die Entscheidung über lebenswerte und lebensunwerte Menschen hat für Birgit Schmeitzner ein Gesicht: das ihrer Großmutter. Sie erklärt, warum das Gedenken an sie und die Hunderttausenden anderen Euthanasie-Opfer wichtig ist.

Ein Kommentar von Birgit Schmeitzner, ARD-Hauptstadtstudio

Für mich hat das Euthanasie-Programm der Nazis ein Gesicht: das Gesicht meiner Oma. Ich habe sie nicht kennenlernen dürfen, weil ein gewissenloser Nazi-Scherge entschieden hatte: Diese Frau ist lebensunwert, die kommt weg. Und warum? Weil sie es nicht aushalten konnte, dass ihr Mann, mein Großvater, auf dem Schlachtfeld in der Ukraine gefallen war und nie wieder zurückkehren würde. Weil ihr Geist das einfach nicht wahrhaben wollte und weil ihre Nerven brachen. 

Sie wurden “entsorgt”

An die 300.000 Menschen wurden “entsorgt”, weil sie behindert waren. Oder, wie meine Großmutter, weil sie psychisch krank waren. Kaum einer stand damals für diese Schwächsten der Gesellschaft ein. War es Scham? Scham, weil man eine Mutter, eine Schwester, einen Onkel hatte, die von der Obrigkeit als abnorm, als unnütze Esser abgestempelt wurden? Als Schädlinge gar für den gesunden Volkskörper, wie es eine Angehörige eines Euthanasie-Opfers bei der Gedenkstunde formuliert hat?

Es gab Angst und Schutzbehauptungen

Ich denke, da war viel Angst dabei. Wer will schon gern auffallen und selbst ins Fadenkreuz geraten, gerade in Kriegszeiten, in denen ein Menschenleben nicht viel zählt. Es ist doch auch viel leichter, sich in Schutzbehauptungen zu flüchten wie: “Die empfinden ihr Leben ja doch selbst als Qual”. Die wenigen, die protestierten, haben die Nächstenliebe über ihre Angst gestellt. Es waren meist Vertreter der Kirchen, der Münsteraner Bischof von Galen predigte gegen Euthanasie. Und er bewirkte etwas, zumindest das offizielle Tötungsprogramm wurde gestoppt. Ihm passierte nichts, er war wohl zu bekannt und zu beliebt, als dass man sich getraut hätte, ihn zu bestrafen.

Es ist heilsam, über diese Verbrechen zu reden

Heute, rund sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, erinnert Deutschland erstmals öffentlich an diese vielen namenlosen Opfer. Spät, aber noch nicht zu spät. Ich fand die Gedenkstunde im Bundestag bewegend, mir kamen die Tränen – die Grenze zwischen der Journalistin und der Betroffenen verschwamm in dieser Stunde. Es ist heilsam, über diese Verbrechen zu reden, weil das Schweigen, das Ver-Schweigen krank macht. Heute war ein guter Tag.

Gedenkstunde für die “Euthanasie”-Opfer der NS-Zeit
B. Schmeitzner, ARD Berlin
16:23:00 Uhr, 27.01.2017

Zuletzt aktualisiert: 22.08.2017, 03:41:01