Eine Zukunft für die Bahn

Gepostet am 25.01.2018 um 17:42 Uhr

Die Bahn hat´s nicht leicht. Naturgewalten behindern immer wieder den Zugverkehr, mit der Pünktlichkeit ist das so eine Sache und auf der Straße droht Konkurrenz durch selbstfahrende Lkws. Helfen soll ein „digitales Schienennetz“, berichtet Thomas Kreutzmann.

Immer wieder behindern Stürme und andere Naturgewalten den Zugverkehr, mit der eigenen Pünktlichkeit ist das Bundesunternehmen ebenso wenig zufrieden wie viele Fahrgäste auch. Und vor allem: In Zukunft könnte die Konkurrenz der Straße übermächtig werden. Denn selbstfahrende Lastkraftwagen, aneinandergereiht wie Zugwaggons, werden Güter schon bald noch billiger transportieren – ebenso autonom fahrende Autobusse Fahrgäste. Der fast 200 Jahre alte Zugverkehr braucht da dringend eine Vitamin– oder besser: Technologiespritze. „Digitales Schienennetz“ heißt die Formel. Und die ist starker Stoff, konnte Thomas Kreutzmann aus dem ARD-Hauptstadtstudio heute bei einer Fachtagung der Bahn in Berlin feststellen.

Eine Menge Superlative

Berlin. Ex-Kanzleramtsminister Ronald Pofalla hat als für Infrastruktur zuständiges Bahn-Vorstandsmitglied eine Menge Superlative in petto, wenn es um die Digitalisierung des Schienennetzes geht: „Nie dagewesener Entwicklungsschub“ oder „Zeitenwende“ sind nur einige davon. Das ist kaum übertrieben. Denn fast unbemerkt von der Öffentlichkeit bahnt sich mit der künftigen, computergesteuerten Überwachung des Schienennetzes und der darauf fahrenden Züge eine technologische Revolution an.

Es handelt sich um denkende, sendende und empfangende Elektronik in gelben Kunststoffplatten im Schienenbett, sogenannte Balisen. Die mit Sensoren versehenen Platten erfassen in Sekundenbruchteilen Fahrzustand und Geschwindigkeit von Zügen, melden sie an Zentralrechner im Stellwerk und lösen Steuerungsvorgänge aus. Mehr Daten, exaktere Steuerung – das hat Folgen: Künftig kann die Bahn ihre Züge pünktlicher fahren lassen und trotzdem enger takten, also häufiger fahren lassen. Und so, ohne das teure Netz auszubauen, 20 Prozent mehr Güter und Personen auf die Schiene bringen.

Enge Taktung

Im Verkehr zwischen Metropolen wie Berlin oder Hamburg, so schwärmt Pofalla, werden die Züge so eng getaktet sein, dass man einfach, ohne den Fahrplan zu lesen, am Bahnsteig warten wird, denn der nächste Zug kommt ja ähnlich oft wie manche Buslinien. Aber das System checkt auch mit kleinen Mikrofonen den Sound der Schiene. Es erfasst Abweichungen, also Verschleiß und Schäden, und führt Waggons zur Überholung, ohne dass schon ein Schaden aufgetreten wäre.

Und drittens erfassen optoelektronische Sensoren Wild oder Menschen im Gleisbett und bremsen, bevor jemand zu Schaden kommt. Suizid im Gleisbett ist bei der Bahn ein Tabu. Pofalla erwähnt ihn auch nicht direkt. Aber auch das steht dahinter: Selbstmord auf den Schienen dürfte kaum noch gelingen. Auch Zusammenstöße zwischen Zügen sollen extrem selten werden. Die teils altertümlichen Stellwerke aus der Kaiserzeit werden zu Computerzentralen, und die nostalgischen 160-tausend Signalzeichen in Deutschland werden ganz verschwinden.

Hohe Anfangsinvestitionen

Der laufende Betrieb soll durch mehr Fahrgäste, Güter und geringere Streckenunterhaltungskosten billiger werden, und die Bahn gegenüber der Straße – siehe autonomes Fahren – konkurrenzfähig bleiben. Teuer sind allerdings die Anfangsinvestitionen. Ein Gutachter rechnet sie gerade für die Bundesregierung als Bahneigentümer durch. Nicht-offizielle Schätzungen, so hört man, gehen von vier Milliarden Euro aus.

Für den Bund und für Fahrgäste wäre das wohl gut angelegtes Geld. Zumal die bisher 20 verschiedenen europäischen Zugbeeinflussungssysteme, die Geschwindigkeit und ähnliches regeln, künftig einem Europastandard folgen, der sich schon als Norm bis nach China exportiert. Die hard- und software-Entwicklung brächte ohnehin einen Technologieschub nach Deutschland – dem Land, in dem Werner von Siemens 1879 die erste E-Lok fahren ließ.

Mal sehen, ob soviel staatliche Industriepolitik von der nächsten, regulären Bundesregierung gewünscht ist – und ob der Bund Dampf macht für die Digitalisierung des elektrischen Schienenverkehrs. Der übrigens inzwischen nur noch aus erneuerbaren Energien bewegt wird. Da war die Deutsche Bahn wohl ein bisschen ehrgeiziger als die mögliche, nächste Bundesregierung.

Zuletzt aktualisiert: 18.09.2019, 17:48:58