Ein Gespenst namens Gabriel

Gepostet am 20.02.2018 um 15:21 Uhr

Was passiert mit Sigmar Gabriel, falls die SPD-Basis beim Mitgliedervotum für eine neue Große Koalition stimmt? Darf er sein Außenministeramt behalten? Angela Ulrich über das „Gespenst der SPD“.

Sigmar Gabriel lacht kurz auf, als ob er die Frage ganz und gar ungehörig fände. Aber sie ist nicht abwegig, es geht um Deniz Yücel und die Frage, ob er sich damit eine zweite Amtszeit als Außenminister ermöglicht habe:

Sigmar Gabriel: „Diese Frage habe ich mir ehrlich gesagt nicht gestellt.“

Sagt er und wendet sich genervt ab, bei der Pressekonferenz in der Redaktion der Zeitung „Die Welt“.

Seinem Standing hat es nicht geschadet

Klar: niemand glaubt und behauptet, dass sich der SPD-Außenminister diplomatisch ins Zeug geworfen hat für den lange in der Türkei inhaftierten Korrespondenten Yücel, nur um sein Amt zu bewahren. Aber dem Standing des SPD-Schwergewichts hat dessen Freilassung sicher nicht geschadet, im Gegenteil. Gabriel ist weiterhin der beliebteste SPD-Politiker. Und so einen will die Partei gehen lassen? Nicht mehr an den Kabinettstisch setzen? Manche Hauptstadtkommentatoren wundern sich, in der „Süddeutschen Zeitung“ zum Beispiel:

„Es wäre töricht, eines der besten Pferde der Partei zum Abdecker zu schicken, und ein Akt der Souveränität der Parteiführung, ihn dort zu belassen, wo er ist.“

Die „BILD“ schlagzeilt:

„Vom Draußenminister zum letzten Star der SPD.“

Gabriel selbst würde gern weitermachen. Daraus hat er nie einen Hehl gemacht. Auch genießt er die ungewohnte Beliebtheit, er, der als Parteichef lange so miese Umfragewerte hatte. Der Sprunghafte, berühmt-berüchtigt für seine Alleingänge an der Parteispitze. Das jetzige Führungsduo der SPD, Andrea Nahles und Olaf Scholz, trauen Gabriel genau deshalb aber nicht über den Weg, meint „ZEIT“-Korrespondent Peter Dausend:

„Es ist skurril, dass man ihn gerade auf der Spitze der Beliebtheit entsorgen möchte. Aber der Überdruss an Gabriels Auftritten und seinen permanenten Querschüssen ist etwas, das die Parteispitze über hat. Da hat er mehr Gegner als Unterstützer, auf jeden Fall.“

Andrea Nahles, die als Generalsekretärin häufig mit Gabriel zusammengerasselt ist, hält sich entsprechend bedeckt, als sie auf ihn angesprochen wird:

„An guten Leuten, die vieles in einer Regierung umsetzen können, mangelt es uns nicht. Ich bin sicher, dass wir eine gute Kabinettsliste zusammenstellen werden. Aber das ist jetzt nicht das, worum es geht!“

Der geschäftsführende Außenminister kämpft derzeit um sein Amt. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz hat er zwar manche vergrätzt, weil er für die Pressekonferenz zu Yücel ein Ukraine-Treffen hat platzen lassen. Als Gabriel aber kraftvoll für eine starke Rolle Europas in der Welt wirbt, klingt das ein bisschen, als hätte er mehr im Hinterkopf:

„Berechenbarkeit und Verlässlichkeit sind derzeit anscheinend die knappsten Güter in der internationalen Politik.“

Gabriel zeigt seine Ambitionen. Aber ob seine Partei die noch will, ist offen.

Zuletzt aktualisiert: 22.01.2020, 05:44:13