Es ändert sich nichts – und doch sehr viel

Gepostet am 30.06.2017 um 13:34 Uhr

Statt “Lebenspartnerschaft nach Paragraf Lebenspartnerschaftsgesetz” heißt es jetzt “Ehe”. Im Alltag ändert sich für homosexuelle Paare dadurch gar nicht so viel – und trotzdem ist das Gesetz unglaublich wichtig, meint Alex Krämer.

Statt “Lebenspartnerschaft nach Paragraf Lebenspartnerschaftsgesetz” heißt es jetzt “Ehe”. Im Alltag ändert sich für homosexuelle Paare dadurch gar nicht so viel – und trotzdem ist das Gesetz unglaublich wichtig.

Ein Kommentar von Alex Krämer, ARD-Hauptstadtstudio

Dieses Thema kann ich – ausnahmsweise – nicht kommentieren, ohne vorab ein paar Informationen zum Kommentator zu geben: schwul, mit Partner und Pflegekind. Das heißt, hier spricht jetzt ein Betroffener, obwohl ich mich eigentlich gar nicht so betroffen fühle.

Durch die Entscheidung des Bundestags ändert sich für mich im Alltag nichts. Überhaupt nichts. Meine eingetragene Lebenspartnerschaft hat – dem Bundesverfassungsgericht sei Dank – mittlerweile fast genau die gleichen Rechte wie eine Ehe. Das hatte sie zu Anfang nicht, da gab es fast nur Pflichten und kaum Rechte. Dafür noch mal einen herzlichen Dank an diejenigen in der Union, die jetzt argumentieren, es sei doch schon alles gleichgestellt, die aber jeden einzelnen Punkt dieser Gleichstellung so lange es ging blockiert haben.

Ein zweites Mal heiraten

Aber blicken wir nach vorne. Weil es meinen Alltag nicht berührt, könnte es mir persönlich also wurscht sein, wie das Ding jetzt heißt: Lebenspartnerschaft, Ehe oder sonst wie. Und  trotzdem, das ist mir in den letzten Tagen klar geworden, werde ich nächstes Jahr wohl ein zweites Mal aufs Standesamt gehen und dann richtig heiraten.

Als wir unsere Lebenspartnerschaft geschlossen haben, ging es mir gegen den Strich, dass es diese Sondereinrichtung überhaupt gab, so sehr, dass ich die sperrige juristische Bezeichnung “Begründung einer Lebenspartnerschaft nach Paragraf Lebenspartnerschaftsgesetz” damals sogar auf unsere Einladung geschrieben habe. So redet natürlich kein Mensch. Wir heiraten, sagt man. Seid ihr verheiratet, fragen die Leute, wenn sie einen Ring am Finger entdecken. Dieser Sprachgebrauch zeigt, dass die Lebenspartnerschaft schlicht überflüssig ist.

Die Gesellschaft war da bisher schon weiter als die Gesetzgebung. Die Abschaffung der Lebenspartnerschaft ist deshalb ein wichtiges Symbol: Es gibt die Ehe, für die kann man sich, ob homo oder hetero, entscheiden – und dagegen natürlich auch. Beides ist in Ordnung.

Aufregung wird sich legen

Angenehmer Nebeneffekt der Ehe-Öffnung: Verpartnerte Schwule und Lesben sind jetzt nicht mehr gezwungen, auf fast jedem amtlichen Formular ihre sexuelle Orientierung bekannt zu geben. Das taten sie bisher, wenn sie bei der Frage nach dem Familienstand “eingetragene Lebenspartnerschaft” ankreuzten.

Die Aufregung um das Adoptionsrecht wird sich relativ schnell legen. Denn dieses begründet selbstverständlich kein Recht auf ein Kind. Wenn es darum geht, Adoptiveltern zu finden, wird nach wie vor einzig und allein das Kindeswohl im Mittelpunkt der Entscheidung stehen. Dass aber Schwule und Lesben sich genauso gut um ein Kind kümmern können wie andere, da bin ich mir sicher – nicht nur, weil ich diese Erfahrung jeden Tag selber mache.

Kommentar zur Öffnung der Ehe
Alex Krämer, ARD Berlin
12:30:00 Uhr, 30.06.2017

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Juni 2017 um 12:00 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 27.07.2017, 00:41:17