Die soziale Sprengkraft der Ungleichheit

Gepostet am 11.04.2017 um 18:15 Uhr

Der Journalist Alexander Hagelüken hat in Berlin sein Buch “Das gespaltene Land” vorgestellt, in dem er einleuchtend zeigt, was soziale Ungleichheit mit dem Aufstieg der Populisten zu tun hat.

Journalisten sind Weltbeschreiber und Welterklärer. Und notwendigerweise auch Weltverbesserer, wenn sie auf Missstände hinweisen. Alexander Hagelüken sieht einen solchen darin, dass die Bundesrepublik heute wieder so ungleich ist wie zu Anfang der 60er Jahre.

Der Leitende Redakteur für Wirtschaftspolitik bei der Süddeutschen Zeitung hat sich die reine Renditelogik von Unternehmen und den meisten Wirtschaftsberichterstattern nie zu eigen gemacht.
Jetzt hat er sein erstes Buch vorgelegt: „Das gespaltene Land. Wie Ungleichheit unsere Gesellschaft zerstört – und was die Politik ändern muss“. Für Dienstagabend lud sein Verlag zur Diskussion Hagelükens mit Sozialministerin Andrea Nahles in die Berliner Urania ein. In der Einladung heißt es:

„Hagelüken skizziert, welches Programm die SPD unter ihrem neuen Kanzlerkandidaten Martin Schulz verfolgen sollte, um wirklich wieder soziale Gerechtigkeit zu schaffen. Und wie sich auch die anderen etablierten Parteien von dem neoliberalen Kurs abwenden müssen, mit dem sie die Ungleichheit in Deutschland verschlimmert haben.”

Gleichzeitig will der Kollege auch noch den Aufstieg der Populisten Trump, AfD und Co. erklären.
Hagelüken macht das alles, so der Verlag, in seiner „ersten selbständigen Buchpublikation, zu der er sich aus Sorge um das Deutschland seiner vier Kinder entschlossen hat.“ Ganz schön viel Holz, und ganz schön viel Pathos. Übernimmt sich der Mann?

Wohl nicht. Das Thema Verteilungsgerechtigkeit schwelt seit Jahren in Deutschland. Gewinner des Wachstums der Finanzmärkte sind die Kapitalbesitzer und wohlhabende Erben. Wer nicht dazu gehört und nicht schon in jungen Jahren ein überdurchschnittliches Einkommen hat, wird mit Lasten überfrachtet, die dann nicht zu stemmen sind. Einen erklecklicher Einkommensanteil für die private Altersvorsorge aufzubringen, ist nur eine davon.

Anschauliche Beispiele betroffener Menschen

Hohe Mieten, Nebenkosten und Zusatzbelastungen bei Krankheit oder Vorsorge, die die gesetzlichen Kassen nicht (mehr) abdecken, gehören auch dazu. Die SPD ist dafür ein wichtiger Adressat. Aber nicht der einzige. Hagelüken räumt auch ein, dass bei einem gesellschaftlichen Wandel zu mehr Gleichheit auch Union, Grüne und Linke eine wichtige Rolle spielen könnten – wenn sie denn wollten.

Warum das notwendig ist, macht Hagelüken sehr anschaulich am Beispiel betroffener Menschen, aber auch sehr nachvollziehbar anhand grundlegender Fakten und Zahlen. Da ist die Multijobberin, deren Haupteinkommen als Laborassistentin nach Mindestlohn nicht ausreicht, und die sich schwarz als Putzfrau etwas dazu verdienen muss.

Vorbild Schweden

Oder die Kellnerin, die allein drei Kinder großziehen muss. Hagelüken beschreibt solche Leben als Risiko für die gesamte Gesellschaft, die sich destabilisiert – und in Teilen politisch radikalisiert. Dagegen sind ihm Staaten wie Schweden ein Vorbild. Sie verbinden geringere Einkommens- und Vermögensunterschiede als in Deutschland mit guten Wachstums-und Beschäftigungszahlen.

In Deutschland wiederum belastet der Staat schon die mittlere Mittelschicht übermäßig durch Steuern und Sozialabgaben auf Arbeitseinkommen, während die Kapitalabgaben für Millionäre prozentual deutlich darunter liegen. Noch Fragen?

Klingt einfach, ist es aber nicht

Ganz beiläufig schreibt Alexander Hagelüken: „Wenn der Staat mehr Gleichheit schafft, stabilisiert er das Fundament einer Gesellschaft“, und: „Wenn der Staat den Reichtum anders verteilt, könnte er die Lebensverhältnisse vieler verbessern“. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Denn es ist offensichtlich sehr schwer politisch durchzusetzen.

P.S. Wer schon immer mal wissen wollte, warum Ärzte keine Krankenschwestern mehr heiraten, ist mit Hagelükens Buch auch gut bedient. Die Antwort findet sich auf den Seiten 93 bis 101.

(Alexander Hagelücken, Das gespaltene Land. Wie Ungleichheit unsere Gesellschaft zerstört und was die Politik ändern muss. Knaur, München, 2017).

Zuletzt aktualisiert: 28.04.2017, 02:34:21