“Die Leute werden immer das Original wählen”

Gepostet am 25.09.2017 um 18:43 Uhr

Das erste Mal dabei: Nach vorläufigem amtlichen Wahlergebnis zieht die Partei „Alternative für Deutschland“ mit 12,6 Prozent in den Bundestag ein. Wie ist ihr das gelungen?

2013 schlitterte die Alternative für Deutschland bei der letzten Bundestagswahl mit 4,7 Prozent nur knapp vorbei am Einzug in den Deutschen Bundestag – kurze Zeit nach ihrer Gründung. Seitdem hat sich bei der Partei viel verändert: Die Eurokritik bekam weniger Gewicht, dafür konzentrierte sich die AfD stärker auf die Themen Migration und Islam. So schafft sie es, beim zweiten Anlauf mit 12,6 Prozent in den Bundestag einzuziehen – und drittstärkste Kraft zu werden.

Wie ist die AfD so schnell so stark geworden?

Viel davon hat mit dem geschickten Umgang mit Aufmerksamkeit zu tun, erklärt der Politikwissenschaftler Tarik Abou-Chadi von der Berliner Humboldt-Universität. “Die AfD beherrscht das Spiel mit dem Skandal”, sagt er. “Erst mal Aufmerksamkeit erreichen durch bestimmte skandalträchtige Auftritte, dann ein bisschen zurückrudern.”

Damit könne die Partei zwei Arten von Wählern bedienen: zum Einen die radikalen Ideologen, die genau das hören wollten, zum Anderen die etwas Gemäßigteren, die migrationskritisch seien. Neu sei diese Strategie aber nicht: Jean-Marie Le Pen habe sie in den 90ern erfolgreich in Frankreich eingesetzt, und auch der US-Präsident Trump bediene sie.

Tarik Abou-Chadi erläutert, was der Einzug in den Bundestag für die AfD bedeutet, und wie Politik und Journalisten mit der Partei umgehen sollten:


Aufmerksamkeit als Währung

Aufmerksamkeit könne die Partei außerdem damit sichern, dass sie einige Themen prominent besetze: Zu Anfang war es die Eurokritik, später die Migrationskritik, nun auch die Islamkritik. Die Logik sei ganz einfach, erklärt Abou-Chadi: “Immer wenn die CSU nach einer Obergrenze für den Zuzug von Flüchtlingen forderte, stieg die AfD in den Umfragen. Die Leute werden immer das Original wählen.”

Dieser geschickte Umgang mit Aufmerksamkeit zeigt, dass die AfD verstanden hat: Aufmerksamkeit ist eine Währung, mit der sich kalkulieren lässt, wie der deutsche Architekt Georg Franck schon 1998 in seinem Buch “Die Ökonomie der Aufmerksamkeit” festhielt. Franck beschäftigte sich mit als Erster mit dem Konzept von Aufmerksamkeit als Währung. Ein aktuelles Beispiel dafür ist erneut der US-Präsident Trump, der sich damit brüstete, er müsse nicht viel Geld für den Wahlkampf ausgeben – schließlich erledigten die Medien das für ihn.

Die dritte Strategie, Aufmerksamkeit zu bündeln, beschreibt TV-Korrespondentin Marie-Kristin Boese, die für die ARD über die AfD berichtet: “Die AfD ist sehr gut im Internet in den sozialen Medien vernetzt und schafft dort eine Echokammer für ihre Anhänger, die sich dort verstanden fühlen.” Das führe zu einer Art Wagenburgmentalität. “Man muss unter dem Strich sagen, dass sich ein Teil der Bevölkerung von den etablierten Parteien nicht verstanden, nicht gehört, oder vielleicht auch in der Haltung nicht respektiert fühlt”, unterstreicht Boese.

Marie-Kristin Boese erläutert im Video, was die AfD so stark gemacht hat, ab wann sie sie als ernst zu nehmende Partei wahrgenommen hat, und wie Journalisten mit der AfD umgehen:


Wie geht es weiter?

Mit dem Einzug der AfD in den Bundestag wird sich einiges ändern – sowohl für die anderen Parteien, die ihre Position gegenüber der AfD neu ausloten müssen, als auch für die AfD-Mitglieder selbst. “Es wird vieles neu werden”, meint TV-Korrespondentin Boese, die seit Beginn über die AfD berichtet. “Die AfD wird sich verändern, sie wird sich professionalisieren.” Zwar hätten einige der AfD-Bundestagsabgeordneten Erfahrungen in Landtagen sammeln können, aber viele seien neu im politischen Geschäft.

Mit Frauke Petrys Ankündigung, dass sie nicht Teil der AfD-Fraktion im Bundestag sein wolle, steht die Partei bereits vor der ersten Zerreißprobe. Marie-Kristin Boese betont, die Partei müsse außerdem ihre Strategie überdenken. “Provokation reicht dann nicht mehr”, sagt Boese. “Die AfD muss konkrete Oppositionsarbeit leisten. Sie muss Argumente liefern, sie muss Gegenkonzepte liefern, sie muss Kleine Anfragen machen.”

Der Einzug der AfD in den Bundestag verändert wahrscheinlich aber auch die politische Stimmung in Deutschland, erwartet Politikwissenschaftler Abou-Chadi: “Man kann davon ausgehen, dass Deutschland sich auch in der Tendenz nach rechts bewegen wird. Das ist zumindest der Fall gewesen in allen anderen Ländern, in denen wir Erfolge rechtspopulistischer Parteien beobachtet haben.”

Muss sich die Berichterstattung ändern?

Die neue Situation der AfD ändere für die Journalisten, die über sie berichten, nicht viel, meint Marie-Kristin Boese. Sie müssten jetzt auf die Machbarkeit der Vorschläge der AfD-Fraktion schauen, diese Vorschläge hinterfragen und sie auch sachpolitisch zu hinterfragen. Für die rhetorische Eskalation der AfD gelte weiterhin, dass sich Journalisten in einer Zwickmühle befänden: „Weil man einerseits weiß, wenn man darüber berichtet, dann spielt man deren Spiel ein stückweit mit, aber man kann und will sie ja auch nicht ignorieren.“

Der Politikwissenschaftler Tarik Abou-Chadi sieht die Aufgabe der Journalisten anders gelagert: „Die Medien haben die Aufgabe, deutlich zu machen, dass das, was die AfD vertritt, nicht ein normaler Teil des demokratischen Prozesses ist, und einer Normalisierung dieser Partei entgegen zu wirken.“

TV-Korrespondentin Marie-Kristin Boese sieht das anders. Was Abou-Chadi fordere, entspreche nicht der journalistischen Arbeit: „Kein journalistisches Kriterium ist danach zu entscheiden, was nützt der AfD oder was nützt ihr nicht. Wir sind nicht dazu da, die AfD zu bekämpfen, sondern wir müssen sie hinterfragen.“

Hier finden Sie außerdem ein ausführliches Interview mit Paul Nolte zur AfD, einem Professor für Zeitgeschichte an der Freien Universität Berlin.

Zuletzt aktualisiert: 21.11.2017, 18:30:09