Die letzte Sondierungsnacht – was für eine Inszenierung!

Gepostet am 12.01.2018 um 13:06 Uhr

Der Sondierungsmarathon sollte ein Signal an die Wähler sein: Was haben wir gerungen! Und er soll Gründungsmythos einer neuen GroKo sein, die kein “Weiter so” kennt. Doch genau das bedeutet sie, kommentiert Kilian Pfeffer.

Was für eine Inszenierung! Darauf könnte jeder Theaterregisseur stolz sein. Mit diesen vierundzwanzigstündigen Mammutverhandlungen, diesem Ultramarathon haben Union und SPD eine Botschaft gesetzt.

Nämlich: Wir haben uns gequält! Grenzen der Belastbarkeit: Wir kennen sie nicht. Wir, Team rot und Team schwarz, haben 120, ach was, 150 Prozent gegeben, so wie Fußballer bei einem Endspiel der Weltmeisterschaft.

Signal an die Wähler und das Land

Aber warum das Ganze? Diese Inszenierung ist ein Signal. Zunächst an die eigenen Wähler, besonders bei der SPD. Man will sagen: Wir haben es uns wahrlich nicht leicht gemacht, unser Versprechen zu brechen. Wir konnten leider nicht anders, aber wir haben der Union nichts geschenkt, ihnen alles Denkbare abgepresst. Mehr geht nicht. Bitte, liebe Basis, stimmt Koalitionsverhandlungen zu.

Es ist ein Signal an das Land: Seht Ihr, wie wir uns für Euch abmühen? Wir haben gekämpft. Es war turbulent. Im Schweiße unseres Angesichts haben wir die großen und dicken Brocken den Berg hinaufgewälzt. Unsere kraterartigen Augenringe seien unsere Zeugen. Weil wir „staatspolitische Verantwortung“ tragen. Dieses große Wort haben die Sondierer in den vergangenen Tagen immer wieder beschworen. Auch Bundespräsident Steinmeier hatte daran nochmal erinnert.

Ein neuer Gründungsmythos

Schließlich ist diese Nacht auch ein neuer Gründungsmythos. Der Gründungsmythos: Das ist die Geschichte von Liebespaaren. Also die Umstände, wie sich die Partner gefunden, wie sie die Magie zwischen sich entdeckt haben.

Deswegen hieß es in den vergangenen Tagen und auch heute Morgen wieder: Wir haben verstanden. Ein „Weiter so“ darf es nicht geben. Was merkwürdig klingt, weil es eigentlich ja ein “Weiter so” ist, ein “Weiter so” von SPD und Union.

Mit Magie hat das nichts zu tun

Aber, so die Botschaft: es geht um den inneren Neuanfang. Und da hilft diese Nacht als Erklärung. Durch diesen Kraftakt wollen die Sondierer zum Zauber des Neuanfangs gefunden haben.

Die Frage ist allerdings: Wie lange kann das halten? Und ist dieser Gründungsmythos stark genug, dass man sich in schwierigen Zeiten daran erinnert und weiter zusammenhält? Denn mit Magie oder sogar Liebe hat dieser Neuanfang ja nichts zu tun. Immerhin: Heute Morgen war mal von gegenseitigem Respekt die Rede. Das ist schon mal ein Anfang. Ohne Respekt funktioniert schließlich keine Beziehung.

Zuletzt aktualisiert: 25.04.2018, 18:30:06