Die Bundeswehr sollte mal aussortieren

Gepostet am 17.05.2017 um 19:29 Uhr

Die Bestandsaufnahme bei der Bundeswehr sollte ein deutliches Signal sein. Das ist gelungen. Die Armee ist aufgeschreckt bis verunsichert. Trotzdem sollten die Soldaten die Chance der jetzigen Diskussion erkennen.

Der Auftritt von Ursula von der Leyen im Verteidigungsausschuss hat gleich mehrere Dinge deutlich gemacht. 41 Fälle meldeten Kommandeure ins Ministerium. 41-mal fanden Vorgesetzte Ausstellungsstücke aus der NS-Zeit, Devotionalien, Spuren einer Traditionspflege, wie sie niemand sehen möchte. Vergleichbar schlimm wie in Illkirch – mit Landsern an der Wand und Hakenkreuz-Schmierereien – war es offenbar nur noch an einem anderen Standort, in Donaueschingen. Aber das entschuldigt rein gar nichts. Medaillen mit Wehrmachts-Motiven sind überflüssig und gehören aussortiert. Diese erste Bilanz lässt sich als Beleg dafür nehmen, dass die Bundeswehr nicht von einem Netz Rechtsradikaler durchzogen ist.

In Illkirch hatte sich eine Terrorzelle gebildet. Wie das passieren konnte, klärt der Generalbundesanwalt auf. Die Verteidigungsministerin muss Konsequenzen ziehen. Richtig ist: Gegen die Vorgesetzten von Franco A. ein Disziplinarverfahren einzuleiten. Sie hätten merken müssen, dass hier ein Rechtsradikaler bizarre Thesen zusammen schreibt, die so gar nicht zur Bundeswehr passen. Da darf noch nicht einmal der Verdacht aufkommen, so jemand werde in der Truppe gedeckt.

Kritik von der Opposition

Die Bestandsaufnahme in den Kasernen sollte aber auch ein deutliches Signal in die Bundeswehr hinein sein. Das ist gelungen. Die Armee ist aufgeschreckt bis verunsichert. Die Opposition und die SPD kritisieren mangelndes Fingerspitzengefühl, Vertrauensbruch, weil Stuben durchsucht wurden, ohne dass die Bundeswehr-Angehörigen anwesend sein durften. Wenn das alles ist, haben SPD, Grüne und Linkspartei nicht so viel in der Hand.

Jetzt soll der Traditionserlass überarbeitet werden. An der Stelle habe ich den Eindruck: kann man machen. Eigentlich ist das Papier aber schon sehr deutlich. Viel wichtiger ist jetzt eine Debatte über Leitbilder in der Bundeswehr, über Vorbilder und Führungsgrundsätze. Diese Debatte zu führen hat von der Leyen in den vergangenen Jahren versäumt. Diesen Vorwurf muss sie sich gefallen lassen. Wer den Namen Lent-Kaserne oder Marseille-Kaserne gelesen hat, dem sollte schon mal der Gedanke gekommen sein, wieso sind diese beiden Standorte eigentlich nach Wehrmachtsoffizieren benannt.

Führen heißt auch, Missstände wahr nehmen

Die Soldatinnen und Soldaten sollten die Chance erkennen, die sich in der jetzigen Diskussion eröffnet. Es geht um Führung und Strukturen. Und ganz richtig ist: Wenn Sparvorgaben dafür sorgen, dass ein Kompaniechef heute Vorgesetzter von 300 bis 400 Soldatinnen und Soldaten ist – früher waren es deutlich weniger – dann muss das geändert werden. Führen heißt auch den anderen kennen, Missstände wahr nehmen, Zeit für Kameraden haben. Viele Offiziere in der Bundeswehr müssen für sich jetzt neu erkennen, dass Führung eben nicht an der Spitze des Hauses gestaltet und bestimmt wird. Rechtsradikale Äußerungen, dumpfe Verehrung vergangener Zeiten müssen die Verantwortlichen vor Ort ahnden. Für Verunsicherung in der Truppe ist keine Zeit.

Zuletzt aktualisiert: 18.11.2017, 01:42:32