Deutschlands Stärke ist nicht das Problem

Gepostet am 20.04.2017 um 19:17 Uhr

Die deutsche Wirtschaft sei zu erfolgreich, zu stark – die Kritik an den Handelsbilanzüberschüssen begleitet Finanzminister Schäuble auf seiner USA-Reise. Mit einem gemeinsamen Papier will er den Vorwürfen begegnen. Tom Schneider kommentiert.

Es ist ein Thema wie gemacht für Populisten: Hier sich abstrampelnde US-Arbeiter, die in unwirtschaftlichen Betrieben um ihre Arbeitsplätze fürchten – dort deutsche Ingenieure, die gut bezahlt in Familienbetrieben präzise Metallteile für die ganze Welt herstellen. „Ungerecht“ plärrt da der Populist und erhält wie Donald Trump ordentlich Applaus, von denen, die sich in diesem Spiel benachteiligt fühlen. Doch verdreht diese allzu gefühlige Sichtweise dramatisch die Tatsachen. Denn niemand organisiert heimlich und hinter den Kulissen den Ausverkauf Amerikas. Genauso wenig, wie es ein Rollkommando der deutschen Industrie gibt, das mit unlauteren Mitteln alle Welt dazu zwingt, deutsche Produkte zu kaufen.

„Made in Germany“ kann auf einen Ruf in der Welt zählen, den es sich profund und über viele Jahre hinweg erarbeitet hat. Das freut diejenigen, die gut daran verdienen – auch den Bundesfinanzminister, der über solide Staatseinnahmen an diesem Erfolg beteiligt ist. Und es freut im Übrigen auch diejenigen, die deutsche Produkte weltweit gerne kaufen. Erstaunlich ist, dass die lauteste Kritik am deutschen Erfolg ausgerechnet aus Amerika kommt, dem Land, das einst mit der Unbegrenztheit seiner Möglichkeiten prahlte und mit der Stärke namhafter Exportschlager die Welt bis heute beglückt.

Denn genau jene Unbegrenztheit und das Credo der Freiheit hat die Weltmärkte zu dem gemacht, was sie heute sind: einem unendlich reichhaltigen Ort des Austauschs – ja, und auch einem Ort des sich miteinander Messens. Statt den (vielleicht vorübergehenden) Zustand der deutschen Stärke zu kritisieren oder sich am Ende gar dafür zu schämen, sollten beide Seiten versuchen, richtige und maßvolle Schlüsse daraus zu ziehen. Deutschland hat mit innerem Reformwillen und einer guten Portion Genügsamkeit den Sprung an die wirtschaftliche Spitze geschafft – ein Prozess, von dem sich der eine oder andere Populist ja vielleicht inspirieren lassen könnte und mal besser seine eigene Wirtschaft reformiere. Aber auch Deutschland hat trotz seiner beneidenswerten Position etwas nachzuholen: Stärke heißt eben auch Verantwortung, Reichtum bedeutet eine fast schon moralische Pflicht, sich zu beteiligen und sich zu engagieren. Da sind einige selfmade-Milliardäre in den USA durchaus weiter, teilen ihren Reichtum über Stiftungen oder Spenden mit anderen, damit aus ihrer Stärke an anderer Stelle etwas erwächst. Mehr Kreativität beim Teilen seiner Reichtümer ist etwas, das Deutschland gut stehen würde. Die Bundesregierung könnte mit einer Ausweitung ihrer Investitionen den Anfang machen.

Zuletzt aktualisiert: 29.04.2017, 23:27:49