Abgehängt auf dem Land

Gepostet am 29.09.2019 um 00:26 Uhr

Die Wirtschaftskraft im Osten holt zwar auf – das zeigt der Bericht der Bundesregierung zur Deutschen Einheit. Doch viele Probleme sorgen weiter für Unmut. Gerade der ländliche Raum kämpft um Anschluss. Von Kristin Schwietzer.

Die Wirtschaftskraft im Osten holt zwar auf – das zeigt der Bericht der Bundesregierung zur Deutschen Einheit. Doch viele Probleme sorgen weiter für Unmut. Gerade der ländliche Raum kämpft um Anschluss.

Von Kristin Schwietzer, ARD-Hauptstadtstudio

In Thüringen, zwischen Schlöben und Stadtroda, fährt ein Bus bis zum Waldesrand. Dort, wo der öffentliche Nahverkehr nicht mehr hält, sammelt der Bürgerbus vor allem ältere Menschen ein: Rentner, alleinstehende Frauen, die ihre Kinder nicht immer bemühen wollen, sie zu fahren. Viele können sich kein Taxi leisten, da kommt der Bürgerbus gerade recht.

Acht ehrenamtliche Fahrer sind zwei Mal in der Woche unterwegs. Klaus Jünemann ist einer von ihnen. Er ist nicht nur der Fahrer, sondern auch ein guter Zuhörer. „Mit der Zeit kennt man alle Geschichten. Aber ich sage immer, man macht das auch für sich selbst. Wenn man für sich ein gutes Gefühl hat. Dann geht’s einem auch gut.“

Nahverkehr genauer unter die Lupe genommen

Entstanden ist der Bürgerbus aus einem Modellprojekt zur Daseinsvorsorge im ländlichen Raum. Viele Regionen wurden so über die Jahre unter anderen vom Bundesinnenministerium gefördert. Darunter ist auch der Saal-Holzlandkreis in Thüringen. Dort wurde der öffentliche Nahverkehr genauer unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Busse und Bahnen wurden enger getaktet, mehr Busse in den Fahrplan integriert.

Doch das reicht eben nicht bis in die ganz kleinen Ortschaften. In Stadtroda brauchte es Freiwillige, die sich ehrenamtlich als Busfahrer meldeten, um die Menschen auch in den entlegensten Winkeln von A nach B zu bringen. „Hier ist doch alles tot nach der Wende“, erzählt Vera Friedel auf der Bustour durch ihren Ort. Sie zeigt auf die kleinen Geschäfte in der Innenstadt und schimpft auf die Großmärkte am Rande. Die hätten alles kaputt gemacht. Das alte Kaufhaus gibt es auch nicht mehr. Die Jugend ist abgewandert, geblieben sind oftmals die Alten.

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Demografischer Wandel – ein Hauptproblem

Der demografische Wandel ist wohl bis heute die größte Herausforderung für die Menschen in Ostdeutschland. Die Wende hat viel Geld in die neuen Länder gespült. Große Firmen sind entstanden – auch mit Hilfe von milliardenschweren Förderprogrammen.

Heute, sagt der „Bericht zum Stand der Deutschen Einheit“, hole die Wirtschaft im Osten auf. Die Abwanderung sei vielerorts gestoppt. Städte wie Leipzig verzeichnen sogar Zuzüge oder Rückkehrer aus dem Westen. Doch auf dem Land bekommen sie oftmals von der wachsenden Wirtschaft und den boomenden Städten wenig zu spüren. Wohl auch, weil die Förderpolitik viele Jahre lang vor allem damit beschäftigt war, Leuchttürme zu produzieren.

Ein Mitarbeiter im Opel-Werk Eisenach.

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Davon gingen in der Anfangszeit wichtige Impulse für die Städte, auch für die Regionen, aus. Doch seit den Wahlerfolgen der AfD ist den Regierungsparteien klar geworden, dass sich die Menschen gerade im ländlichen Raum vernachlässigt fühlen. Das Gefühl „dazuzugehören“ ist mancherorts auf der Strecke geblieben. Hinter schön sanierten Fassaden fühlen sich viele Ostdeutsche immer noch als Bürger zweiter Klasse – eine ernüchternde Bilanz des Einheitsberichts.

„Viele Leute verstehen nicht mehr, was in Berlin entschieden wird“

Die Sorgen, Nöte und Ängste sammelt die AfD auf der Straße ein, den Frust über niedrige Löhne und ungleiche Renten. David Ortmann ist SPD-Bürgermeister der kleinen Gemeinde Bad Tabarz in Thüringen. Der Ort will wachsen. Gerade erst hat er den Titel „Kneipp-Heilbad“ erhalten.

Ortmann will Familien herlocken und Firmen ansiedeln. Dafür braucht er schnelles Internet. Das sei wichtig, auch um den Menschen zu zeigen, dass die Politik sich kümmert. „Ich glaube, dass die Menschen in den ländlichen Regionen oftmals das Gefühl haben, abgehängt zu sein. Da geht es um die generelle Infrastruktur und da zählt der Breitbandausbau auch dazu.“

Die Bundespolitik habe sich vom Wähler entfernt, sagt Ortmann. „Ich habe das Gefühl, dass die Politik ein Stück weit abgehoben ist von der Realität. Viele Leute verstehen nicht mehr, was in Berlin entschieden wird.“ Deshalb wünscht er sich von seiner Partei, dass sie das, was sie in der Großen Koalition beschlossen haben, auch auf den Weg bringt.

Mehr zum Thema sehen Sie um 18:30 Uhr im Bericht aus Berlin.

Zuletzt aktualisiert: 23.10.2019, 22:30:53