Jede achte Brücke in schlechtem Zustand

Gepostet am 15.08.2018 um 12:03 Uhr

Nach dem Einsturz der Autobahnbrücke in Genua geben Experten für Deutschland Entwarnung. Zwar seien Tausende Brücken in nicht ausreichendem Zustand, eine Einsturzgefahr bestehe aber nicht. Von Angela Ulrich.

Nach dem Einsturz der Autobahnbrücke in Genua geben Experten für Deutschland Entwarnung. Zwar seien Tausende Brücken in nicht ausreichendem Zustand, eine Einsturzgefahr bestehe aber nicht.

Von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Majestätisch erheben sich die Brücken über Flüsse, Talschluchten, überqueren Häuser und Gleise. Rund 140.000 Brücken gibt es in Deutschland, 40.000 davon an Autobahnen und Bundesstraßen. Die meisten sind aus Stahlbeton, nur noch ganz wenige aus Holz, Stein oder komplett aus Stahl.

Dabei ist ein Problem schon lange klar: Viele Brücken in Deutschland sind alt, fast jede zweite in den West-Bundesländern stammt aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Und das schlägt auf den Zustand durch, sagt Martin Mertens in der ARD – er ist Ingenieur für Brückenbau an der Universität Bochum: “Ein Drittel davon ist instandsetzungsbedürftig, wobei wir ein Gefälle von Ost nach West haben. Das liegt an den Neubaumaßnahmen nach der Deutschen Einheit. Die Brücken im Osten sind besser als im Westen.”

Jede achte Brücke nicht ausreichend

Die Bundesanstalt für Straßenwesen überwacht die deutschen Brücken. Sie kontrolliert sie regelmäßig und verteilt Noten. Rund jede achte Brücke bekommt dabei das Prädikat gut bis sehr gut, ebenso viele aber auch die Note nicht ausreichend bis ungenügend. Schlusslichter im Bundesvergleich sind dabei Hamburg und das Saarland. Das heißt jedoch nicht, dass die Brücken akut einsturzgefährdet sind, aber dass sie in näherer Zukunft instand gesetzt werden sollten.

Deutschland schaue dabei genauer hin als andere in Europa, erklärt Manfred Curbach, Leiter des Instituts für Massivbau an der TU Dresden, im MDR: “Wir haben in Deutschland eines der strengsten Überwachungssysteme, verbunden mit Qualitätssicherung.” Es sei sehr stark geregelt, was mit den Ergebnissen geschehe.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat vor Panikmache wegen des Zustands der Autobrücken in Deutschland gewarnt. “Wir haben wieder eine sehr typisch deutsche Diskussion – was in Deutschland als marode oder nicht ausreichend gilt, ist anderswo in einem guten Zustand eingestuft”, sagte er dem Sender n-tv. Scheuer verwies auf aufwändige Überwachungsmechanismen. Es gebe durchaus Sanierungsfälle auch unter den großen Brücken, so der Minister. Ein Beispiel sei die Rheinbrücke bei Leverkusen. Das mehr als 50 Jahre alte Bauwerk ist wegen seines schlechten Zustands für Lastwagen inzwischen gesperrt, ein Neubau ist in Arbeit. Derartige Einschränkungen sorgten für “Verärgerungen”, sagte er. “Aber trotzdem haben wir unsere Brücken im Griff.”

Schwerlastverkehr das größte Problem

Bei Mängelbrücken fehlt manchmal nur ein Gitterstab im Geländer, aber es gibt auch schwerere Schäden, wie Risse oder Korrosion. Bei kleinsten Anzeichen dafür, dass die Standsicherheit gefährdet sei, werde die Brücke sofort gesperrt, heißt es bei der Bundesanstalt für Straßenwesen.

Bei weniger Schwerwiegendem sollen Tempolimits helfen oder auch ein Verbot für Schwerlastverkehr. Der ist nämlich ein Riesenproblem auf deutschen Straßen, denn ein 40-Tonner belastet eine Brücke genauso wie viele zehntausend Pkw. Gerade alte Brücken sind dafür nicht ausgelegt.

Vor allem die Grünen im Bundestag bohren seit Jahren zum Zustand der Brücken in Deutschland nach – und zwar nicht nur bei Straßen-, sondern auch bei Eisenbahnbrücken: Sanierungsbedürftig sind von den 25.000 rund vier Prozent, vor allem in Berlin, Brandenburg und – wieder im Saarland. Vergleichsweise gut schneiden Sachsen-Anhalt und Hamburg ab.

Wie sicher sind Deutschlands Brücken?
tagesschau24 22:38:18 Uhr, 14.08.2018

Sensoren sollen Brückenschäden früher entdecken

Das Bundesverkehrsministerium hat in der vergangenen Legislaturperiode die Mittel für Brückensanierungen aufgestockt. Es hat sich also etwas getan. Früher war der Anteil der Bauwerke in schlechtem Zustand höher. Es bestehe kein Grund zur Sorge, sagt Bauingenieur Mertens:
“Sie müssen keine Angst haben, über deutsche Autobahnbrücken zu fahren. Es gibt in Deutschland 2000 Bauwerksprüfingenieure, die sich darum kümmern.” Alle sechs Jahre werde solch ein Bauwerk handnah geprüft, alle drei Jahre gebe es eine einfache Prüfung, dazwischen laufende Besichtigungen. “Die sind also unter starker Kontrolle.”

Um Brücken doch noch besser zu überwachen, hat die Bundesanstalt für Straßenwesen ein Projekt “Intelligente Brücke” gestartet. Bauwerke sollen mit Sensoren ausgestattet werden, um Schäden schneller zu erkennen. Bisher gibt es aber nur eine einzige Pilotbrücke am Autobahnkreuz Nürnberg.

Wie sicher sind deutsche Brücken?
Angela Ulrich, ARD Berlin
10:53:00 Uhr, 15.08.2018

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 15. August 2018 um 11:00 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 21.10.2018, 07:45:05