Der SPD-Parteitag: ein vorbildlicher Politkrimi

Gepostet am 22.01.2018 um 11:44 Uhr

In Bonn stritt die SPD leidenschaftlich, extrem fair und vorbildlich über den Eintritt in Koalitionsverhandlungen. Wer jetzt nur rummeckert, wie zerstritten die Partei mal wieder sei, befördert Politikverdruss, kommentiert Evi Seibert.

Parteitage laufen oft so ab: Der oder die Vorsitzende hält eine Rede. Dann gibt’s stehende Ovationen und dann gehen alle mal raus, essen Currywurst oder quatschen mit anderen Delegierten. Das war gestern völlig anders. Die SPDler klebten förmlich fünf Stunden lang auf ihren Sitzen. Hochkonzentriert.

Alle drei Minuten wechselte der Redner. Mal eine junge, gerade frisch eingetretene Juso-Frau, die ihre erste Rede gegen die GroKo hielt, mal ein altgedienter SPD-Kämper, der an die Vernunft appellierte: lieber bisschen was als gar nichts. Mal ein Kracher wie Andrea Nahles, die Johlen und Beifall bekam, mal ganz ruhige unbekannte Stimmen mit vielen Argumenten.

Atemlose Stille im Saal

Es ging immer hin und her. Und das Spannende daran: Man wusste wirklich bis zum Schluss nicht, wie es ausgeht. Viele Unentschlossene hörten genau zu, um sich ihre abschließende Meinung zu bilden. Als bei der Abstimmung dann die Stimmkarten hochgingen, war das wie im Finale eines Tatorts. Weil es so knapp war, musste dann auch noch einzeln ausgezählt werden. Spannungsverlängerung, atemlose Stille im Saal.

Das Ergebnis war denkbar knapp. Nur 84 einzelne Stimmen mehr – und alles wäre anders gekommen. Dann hätten wir wohl Neuwahlen bekommen. Dann hätten diese 84 Leute nicht nur das weitere Schicksal Deutschlands bestimmt, sie hätten damit auch Einfluss auf die weitere Entwicklung in Europa genommen. Ihre Stimme war etwas wert. Sie konnten damit etwas bewirken. Sie hatten Verantwortung.

Die Parteiführung war hochgradig nervös

Das heißt: Das ewige Gerede von „die da oben in der Politik machen ja sowieso was sie wollen“ ist zumindest in diesem Fall Quatsch. Die Parteibasis hat der Parteiführung Dampf gemacht. Die war hochgradig nervös und musste sich wirklich ins Zeug legen, um eine Mehrheit zu überzeugen.

So kann Politik auch sein. Das war extrem fair, spannend, emotional, gut begründet und leidenschaftlich – ein echter Politkrimi. Wer jetzt nur rummeckert, wie zerstritten die SPD mal wieder sei, befördert Politikverdruss und die extremen Ränder. Streiten, argumentieren und anschließend darüber abstimmen, wer mehr überzeugt hat: Das ist Demokratie. In dieser Hinsicht war die SPD gestern vorbildlich.

Zuletzt aktualisiert: 16.09.2019, 14:18:17